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ziert. Eine Auseinandersetzung mit der Diktatur, mit dem totalen Staat hätte auch
die Russen getroffen.65
Von US-amerikanischer Seite wurden ehemalige NS-Funktionäre – gerade, wenn
sie antikommunistisch eingestellt waren – oft auch unterstützt bzw. für ihre eige-
nen Interessen, meist geheimdienstliche Aktivitäten, eingesetzt.66
In Felix Gamillschegs Die Getäuschten (1961) wird mit der unsympathischen
Figur des Hauptmann Rose ein Überläufer vom Nationalsozialismus zum Kom-
munismus gezeichnet, der sich allerdings nicht so sehr durch politische Über-
zeugungen, sondern durch Opportunismus und Machtgier auszeichnet. Diesem
Verhalten wird jenes des positiv gezeichneten Protagonisten Büheler gegenüber-
gestellt, der dem Nationalsozialismus abschwört, seine antikommunistische Ein-
stellung aber unverändert beibehält. Bühelers Bekehrung vom Nationalsozialis-
mus erscheint allerdings zwielichtig, wenn er Vergebung für ehemalige
NSDAP-Angehörige fordert, indem er behauptet, er könne Kindern nicht erklä-
ren, „wie es mit der Betonung des Rechtsstaates vereinbar sei, daß man ihren
Eltern die Wohnung, die Möbel konfisziert habe, daß dieser Vater hinausgewor-
fen, jener monatelang eingesperrt worden sei, nur weil sie einmal einer Partei
angehört hatten“. (GT 351) Dagegen werden die Verbrechen der sowjetischen
Besatzungsmacht hervorgehoben, „einer ‚Befreiung‘, die sich täglich in Verge-
waltigungen, Übergriffen, Verschleppungen demonstriere“. (GT 351) So wird
argumentiert, Österreich müsse als ein „Brückenkopf des Westens“ (GT 360) die-
sem vor dem Zugriff der Sowjetunion Schutz bieten, womit eine eindeutige Stel-
lung im Kalten Krieg bezogen ist. Die personelle Kontinuität zwischen dem Wehr-
machtssoldaten und katholischen Antikommunisten wird hier positiv bewertet
und in Abgrenzung zu deutschem Nationalsozialismus und Kommunismus dar-
gestellt. Damit werden zwei verschiedene Kontinuitäten zur NS-Zeit hergestellt,
die eine Einordnung ins bipolare Schema des Kalten Krieges ermöglichen.
Mit dem Handlungsmotiv der personellen Kontinuität arbeitet auch Ernst Hin-
terberger in seinem Erstlingsroman Beweisaufnahme (1965). Der Protagonist
Robert Wehhofer stellt sich selbst als Mitläufer dar, der zunächst der HJ beitritt,
nach dem Einmarsch der russischen Besatzungsmacht allerdings wie selbstver-
65 Henz: Fügung und Widerstand, S. 307.
66 So berichtet etwa Arnold Kopeczek vom „Fall Verbelen“, der „besonders [anschaulich zeigt],
wie eng die Integration ehemaliger Angehöriger der mittleren Ebene der NS-Hierarchie in
westlichen Nachrichtendiensten sein konnte und auch war“. Arnold Kopeczek: Fallbeispiele
des Kalten Krieges in Österreich 1945–1965. Wien: Univ.-Diss. 1995, S. 67. Vgl. zur Zusam-
menarbeit von CIC und ehemaligen Nationalsozialisten sowie zur Fluchthilfe für Nazis nach
Südamerika auch Siegfried Beer: The CIA in Austria in the Marshall Plan Era, 1947–1953. In:
Günther Bischof, Anton Pelinka, Dieter Stiefel (Hg.): The Marshall Plan in Austria. New Bruns-
wick [u.a.]: Transaction Publishers 2000, S. 185–211, hier S. 193 f.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
276 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918