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ständlich zum Kommunismus umschwenkt. Seine Begründung für diese politi-
schen Entscheidungen ist jeweils die Erwartung persönlicher Vorteile.67 Der Roman
stellt auf diese Weise das Leben eines politisch Verirrten dar, der allerdings nicht
wie Gamillschegs Protagonist schlussendlich die ‚richtige‘ Seite findet.
Zusammenfassend ist anzumerken, dass viele Texte Kombinationen aus per-
soneller Kontinuität und Wiederholungs- oder Parallelstrukturen verwenden,
um den politischen Gegner im Kalten Krieg mit dem Nationalsozialismus in
Verbindung zu bringen und ihn so zu desavouieren. Eine spezifische Verschär-
fung der bereits beschriebenen narrativen Strategien ist der Entwurf von kon-
kreten Kooperationen zwischen ehemaligen Nationalsozialisten mit einer Groß-
macht des Kalten Krieges.
Nazi-Kooperation
In Susanne Wantochs Das Haus in der Brigittastraße wird der ehemalige SA-Mann
Ferdinand von dem CIC-Agenten Leo Leitner angeworben, um Informationen über
geheime oder latente NS-Verbindungen zu sammeln. Diese Informationen werden
nicht, wie man erwarten könnte, im Interesse der Entnazifizierung vom amerika-
nischen Geheimdienst angestrebt, sondern im Interesse einer Zusammenarbeit:
Du kennst doch noch viele deiner ehemaligen Kameraden von der SA und von
der Front, besonders die jungen, die in unserm Alter. Red mit ihnen, wenn du sie
auf der Straße triffst; soweit du ihre Adressen noch weißt oder sie dir beschaffen
kannst, besuch sie zu Haus – Zeit genug hast du ja. Find heraus, wie jeder einzelne
eingestellt ist, ich meine politisch – das wird sicher nicht schwer sein für dich als
ihr alter Kamerad. Red vom Fronterlebnis oder von was weiß ich was, sag, daß
sich die Kriegskameraden, die so viel gemeinsam erlebt haben, eigentlich wieder
zusammenschließen müßten, rein kameradschaftlich, natürlich. Und dann gibst
du uns eine Liste, mit Namen und politischer Einstellung jedes einzelnen und ob
er bereit wäre, sich einem Kameradschaftsverband anzuschließen. (HB 168)
Leo versucht Ferdinand mit der Aussicht auf großzügige Entlohnung zu ködern,
die „sogar in Dollars“ (HB 168) ausbezahlt würde. Ferdinand ist aber skeptisch:
67 Die Stationen HJ und Freie österreichische Jugend (FÖJ) prägen auch den Lebenslauf des
Autors. Vgl. Hinterberger: Ein Abschied, S. 32 und 37. Hinterberger erzählt in diesem auto-
biographischen Text, dass er im Sommer 1945 einer überparteilichen Jugendvereinigung namens
„Jugendring“ (ebd., S.
36) beitrat, ab Herbst aber bereits der FÖJ angehörte. Sein Ausscheiden
aus der FÖJ datiert Hinterberger auf „etwa 1951“. Ernst Hinterberger: [Wien, 10. November
1999]. In: Erich Makomaski: Die Freie Österreichische Jugend. (Ehemalige) Mitglieder erzäh-
len ihre Geschichte. Wien: E. Makomaski 2002, S. 100. Nazi-Kooperation 277
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918