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menhandlung liegt ein historischer Vorfall zugrunde, von dem das Tagebuch,
dessen Mitherausgeber Fischer war, 1951 berichtet hat:
Der Bamberger Stadtrat hat ein Beispiel gegeben, das ihn über viele andere zeitge-
nössische Stadtratversammlungen turmhoch emporhebt. Er hat einstimmig eine
Weisung der Bonner Bundesregierung [...] abgelehnt. Die amerikanischen Subs-
tituten von Bonn haben nämlich dazu aufgefordert, den Besatzungsbehörden die
Baupläne der Brücken zu Sprengvorbereitungen auszuhändigen. Bürgermeister
Grosch erklärte:
‚1933 haben wir gegen die Gewaltherrschaft gekämpft und sind dafür in die KZ ge-
gangen. Darum werden wir auch heute gegen derartige Maßnahmen eintreten. Wir
haben keine Veranlassung bei Zerstörungen mitzuhelfen.‘
Der Bamberger Oberbürgermeister Weegmann erklärte:
‚1945 hat man die Brückensprengungen als Sinnlosigkeit dargestellt. Wir haben Vor-
würfe bekommen, daß wir damals Befehle ausführten, ohne uns zu weigern. Jetzt
wollen wir unsere Fehler von damals nicht wiederholen.‘70
Dass Fischers Drama auf diese Begebenheit zentral Bezug nimmt, wird im
Tagebuch auch explizit erklärt: „Anlaß zu der Komödie […] bot das Beispiel
einiger westdeutscher Städte, unter ihnen Bamberg, wo die Liebe zur Heimat
größer war als die Furcht vor der amerikanischen Militärregierung.“71 Die Her-
vorhebung des Satzes „Jetzt wollen wir unsere Fehler von damals nicht wiederho-
len“ und die prominente Stelle, an der die Daten 1933 und 1945 platziert werden,
üben eine suggestive Wirkung aus. Wie in dieser propagandistischen Darstellung
im Tagebuch werden auch im Drama die Pläne der amerikanischen Besatzungs-
macht als Wiederkehr der Nazi-Pläne dargestellt. Schon die Wahl des Sujets
impliziert diese Verbindung, da auch die Nationalsozialisten 1945 Brücken spreng-
ten, um den Vormarsch der Alliierten zu hemmen. Arnolt Bronnen bemerkt in
seinem der DDR-Politik gegenüber linientreuen Reisebericht Deutschland – kein
Wintermärchen (1956) über das symbolträchtige Objekt der Brücke:
Wir ratterten über die breite, große Hebebrücke, die den Peene-Strom überquert.
Ihre Wiederherstellung – SS hatte sie in den letzten Kriegswochen gesprengt –
gehörte zu den dringlichsten Brückenbauten im ersten Fünfjahrplan. Die andere
große Brücke [...] wird im zweiten Fünfjahrplan wiederhergestellt werden.
So verstärkt und verdichtet sich das Band, das die einzelnen Glieder der Republik
70 N.N.: Der Bamberger Stadtrat. In: Tagebuch 6 (1951) H. 8, 14.4.1951, S. 1 [Hervorh. und Kur-
sivierung im Orig.].
71 N.N.: [Vorbemerkung zu:] Ernst Fischer: Höchste Zeit …! Oder: Die Brücken von Breisau
[Dramentextauszug]. In: Tagebuch 7 (1952) H. 7, 29.3.1952, S. 5. Nazi-Kooperation 279
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918