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Darin sehen Sie und viele junge Intellektuelle eine schöne Pflicht: zu verbinden
und die Brücken der Menschlichkeit zu verteidigen. Aber die Federmann und Dor
wollen sie zerreißen und zerschlagen, die Welt in zwei Heerlager spalten [...] genau
wie ihre Hintermänner vom Berliner Kongreß [für kulturelle Freiheit], wie deren
Abgesandte Oscar Pollak und Peter Strasser und ihr Apologet Hans Weigel.76
Die so häufig belegbare positive Konnotation der Brücke und die negative der
Sprengung, Trennung oder Spaltung macht sich auch Fischer in seinem para-
textuell als Komödie bezeichneten Drama zu eigen, das am 22. März 1952 unter
dem Titel Höchste Zeit ...! oder Die Brücken von Breisau im „Neuen Theater in
der Scala“ Premiere hatte. Die Handlung ist im Jahr 1951 in der bayrischen Klein-
stadt Breisau angesiedelt, in der eine Koalitions-Stadtregierung aus CDU und
SPD an der Macht ist, was die Situation eher der in Österreich als jener in Deutsch-
land vergleichbar macht.77 In Fischers Drama gibt es zudem einen Stadtrat der
KPD, den es 1952 in Bamberg nicht gab.
Zu Beginn steht ein Brückeneinweihungsfest bevor, da eine 1945 auf Geheiß
der Nationalsozialisten gesprengte Brücke nun wieder neu errichtet wurde. Der
Stadtkommandant, der damals die Brücke sprengen ließ, ist der ehemalige Wehr-
machtsoberst und nach wie vor überzeugte Nationalsozialist Teuthold Stumpf.
Schon in der ersten Szene stellt das Stück Verbindungen zwischen dem Natio-
nalsozialismus und der amerikanischen Besatzungsmacht her:
Dirnböck: Ja, der Oberst Stumpf, für den war Kultur ein Fremdwort und Deutsch-
land ein Haufen Dynamit, sonst nichts.
Ein Herr (tritt an den Kiosk): Haben Sie die Deutsche Soldatenzeitung?
Verkäufer (gibt ihm eine Zeitung): Bitte, mein Herr – !
Der Herr: Die deutsche Soldatenzeitung, nicht die amerikanische!
Verkäufer: Entschuldigen Sie – im Zwielicht kann man sie kaum unterscheiden.
(Der Herr geht.)
Dirnböck: Deutsche Soldatenzeitung – das gibt’s auch schon!
Verkäufer: Alles kommt wieder, Herr Stadtrat. Nur mein Bein wächst nicht nach.
[...] Hoffentlich kommt nicht auch der Stumpf noch zurück.
Dirnböck: Der sitzt bei den Amerikanern. (BB 7)
76 Otto Horn: T[age] B[uch] antwortet … Gespräch mit einer Kollegin. Jugend, Freiheit und
Kriegshetze. In: Tagebuch 6 (1951) H. 4, 17.2.1951, S. 4.
77 Tatsächlich gab es in Österreich in den 1950ern eine Regierungskoalition, nicht aber in Deutsch-
land. Vgl. Georg Schmid: Die ‚Falschen‘ Fuffziger. Kulturpolitische Tendenzen der fünfziger
Jahre. In: Aspetsberger, Frei, Lengauer (Hg.): Literatur der Nachkriegszeit und der fünfziger
Jahre in Österreich, S. 7–23. Nazi-Kooperation 281
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918