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US-Besatzern vs. einheimische Bevölkerung heraus, wobei die KP-nahen Figu-
ren als Interessensvertretung der deutschen Bevölkerung erscheinen und der
ehemalige Nazi Stumpf sich den Amerikanern annähert. So beauftragt etwa
Caldwell ihn, einen Einheimischen zu verhören:
Caldwell (zu Stumpf): Hören Sie, Stumpf. Sie werden das Biest für fünfzig Dollar
zum Sprechen bringen. Es wird für mich ein Beweis sein, daß Sie brauchbar sind.
[…]
Stumpf: Jawohl, Mister Caldwell! (Schlägt die Haken zusammen und geht.) (BB 39)
Von den US-Vertretern erhält Stumpf auch den Auftrag, den politisch unent-
schiedenen jungen Stadtsekretär Heinz Zweidler dazu zu überreden, die Brü-
ckenpläne abzuliefern. Es kommt zu einem entscheidenden Gespräch, in dem
Heinz seine politische Überzeugung wiederfindet:
Stumpf: [...] Sie waren Hitler-Junge.
Heinz: Ja, das war ich, und habe daran geglaubt. Und dann, was war ich dann?
Eine dröhnende Null, ein marschierendes Nichts. Und was ist aus Deutschland
geworden?
Stumpf: Wir kommen wieder. Die Amerikaner brauchen uns. Geben Sie uns die
Brückenpläne.
Heinz: Konkret – was bieten Sie?
Stumpf: Ein Mann wie Sie, erfahrener Frontoffizier, kann ein Regimentskomman-
do übernehmen. Das ist Aufstieg, Ehre, Macht.
Heinz: Und Krieg.
Stumpf: Machen wir.
Heinz: Zum zweitenmal die Brücken gesprengt …
Stumpf: Kann sein.
Heinz: Ich danke Ihnen, Herr Oberst. Ich glaube, jetzt weiß ich, was zu tun ist.
(BB 49)
Heinz entscheidet, da er nun die Parallelen zwischen den Zielen der National-
sozialisten im Zweiten Weltkrieg und den Kriegsplänen der Amerikaner erkennt,
dass er die Brückenpläne nicht den Besatzern aushändigen, sondern die Öffent-
lichkeit informieren wird, was zu einer parteienübergreifenden Protestbewegung
gegen die amerikanische Besatzungsmacht unter der einheimischen Bevölke-
rung führt, die mit Demonstrationen, Wählerdruck auf die politischen Vertreter
und Vernetzung zwischen mehreren betroffenen Gemeinden einhergeht. Da der
Generalstreik ausgerufen wird, greifen die Amerikaner auf Stumpf als „Peitsche
im Rücken“ (BB 56) der Bevölkerung zurück. Da sie seine Hilfe in Anspruch
Nazi-Kooperation 283
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918