Seite - 286 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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sischen Rundfunk im Jänner 1952 geschriebenen Dialog mit dem Titel NS-Par-
nass in Österreich. Eine kritische Betrachtung, in dem ehemalige und keineswegs
reuige, sondern aktiv weiterpropagierende NS-Schriftsteller scharf und explizit
angegriffen werden:
Es gibt auch Nazi, die sich auf die Seite des Ostens geschlagen haben. Es gibt in
Oesterreich eine Zwergpartei, die sich Nationale Liga nennt und unter der Füh-
rung eines Herrn [Adolf] Slavik versucht, unzufriedene Nazi-Elemente unter den
Fittichen der Russen zu sammeln. Ihre Zentrale befindet sich in einem russisch
besetzten Bezirk Wiens.83
Im kommunistischen Tagebuch lassen sich unzählige Beispiele für den Vor-
wurf der Kooperation mit (ehemaligen) Faschisten gegenüber den USA finden.84
So heißt es Anfang 1950 etwa: „Franco, der Hitler von heute, wird von Amerika
wieder salonfähig und kreditwürdig gemacht.“85 Im Juni desselben Jahres wird
der ehemalige Nationalsozialist, VdU-Mitbegründer und Publizist Fritz Stüber
mit dem bekannten Antikommunisten Hans Weigel in eine Reihe gestellt:
Hans Weigel und Fritz Stüber forderten Arm in Arm die Mitte des Jahrhunderts
in die Schranken ihrer Beschränkung. Hans ritt voran und enthüllte am 18. Mai
in der Südtiroler Wochenschrift ‚Der Standpunkt‘ nichts Geringeres als ‚Stalins
Brückenköpfe in Oesterreich – Zur Situation der linksstehenden Intellektuellen‘.
Fritz folgte nach und enthüllte am 3. Juni in der letzten Nummer des VdU-Wo-
chenblattes ‚Der Unabhängige‘ den gleichen Standpunkt zum gleichen Thema:
‚Oesterreichische Lakaien des Kominform – Volksdemokratische Brückenköpfe
im PEN-Club, Burgtheater und Demokratischen Schriftstellerverband.‘86
Von Stüber erzählen Dor und Federmann, dass er 1948 für den NS-Germanis-
ten Josef Nadler öffentlich Partei ergriff und weiter: „1945 verfasste er für das
Wiener Tagblatt Durchhalteartikel unter dem Titel ‚Der wehrhafte Wiener‘.
83 Milo Dor und Reinhard Federmann: NS-Parnass in Österreich. Eine kritische Betrachtung,
Hessischer Rundfunk „Abendstudio“ Jänner 1952. Typoskript, 28
Bl. Literaturarchiv der Öster-
reichischen Nationalbibliothek, Nachlass Reinhard Federmann, Karton 2, roter Ordner, S. 9a.
Zum Teil auch abgedruckt in: Dies.: Briefe aus Wien. Über die Kontinuität der Nazi-Literatur
in Österreich nach 1945. In: Kontakte. Mitteilungen vom Kongress für die Freiheit
der Kultur 1 (1952) H. 11, April, S. 9–10.
84 Zur anti-nationalsozialistischen „Blattlinie“ des Tagebuch vgl. Alfred Pfoser: ‚Stalins Brü-
ckenköpfe‘. Der Kalte Krieg in und um das Tagebuch. In: Hansel, Rohrwasser (Hg.): Kalter
Krieg in Österreich, S. 228–243, hier S. 236 f.
85 N.N.: Franco, der Hitler von heute. In: Tagebuch 5 (1950) H. 1, 5.1.1950, S. 2.
86 N.N.: Hans Weigel und Fritz Stüber. In: Tagebuch 5 (1950) H. 12, 10.6.1950, S. 1.
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286 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918