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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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C: Aber dies wird uns niemals dazu bringen, uns mit den alten, unbelehrbaren Nazi an einen Tisch zu setzen, gemeinsame Sache mit ihnen zu machen oder gar, ihnen die Initiative zu überlassen.94 Der gemeinsame Tisch verweist als Allegorie auf eine politische Praxis, die In- und Exklusionsprozesse umfasst. In seinem Roman Das Himmelreich der Lügner (1959) nimmt Reinhard Federmann das Bild des gemeinsamen Tisches in Bezug auf die Politik von ÖVP und SPÖ in der Nachkriegszeit auf. Der Ich-Erzähler Bruno Schindler, sozialdemokratischer Februarkämpfer von 1934 und Schutz- bund-Emigrant in der UdSSR, der sich in den 1950er-Jahren zur ‚heimatlosen Linken‘95 zählt, beschreibt bei seiner Rückkehr nach Österreich eine bezeichnen- de Tischgemeinschaft. In einem Wiener Restaurant trifft er zufällig seinen Freund und ehemaligen Parteigenossen Karl Beranek, mittlerweile Nationalratsabge- ordneter der SPÖ, und Eugen Naderny, ehemaliger Austrofaschist und mittler- weile Nationalratsabgeordneter der ÖVP, friedlich an einem Tisch sitzend. Als Schindler eingeladen wird, ebenfalls Platz zu nehmen, reflektiert er über diese Konstellation: Für Minuten konnte ich kaum den Wunsch unterdrücken, [...] Karl zu erklären, mit wem er da so friedlich zusammensaß, und unterdessen wurde mir immer klarer, daß es nicht Naderny war, der zwischen uns als Fremder saß. Der Fremde war ich. (HL 495) Dass die politischen Gegner von 1934, Naderny und Beranek, in den 1950er-Jah- ren gemeinsam trinken und sich unterhalten, verweist paradigmatisch auf eine Verschiebung innerhalb der Konstellation im politischen Feld, die den kritischen Linken als Kommunisten brandmarkt und in eine Außenseiterrolle drängt. Das Himmelreich der Lügner zeigt, wie politische Differenzen der Vergangenheit zum Zwecke neuer Koalitionen unter den Tisch fallen können. So werden auch Figuren, die mit dem Nationalsozialismus sympathisierten oder sich opportunis- 94 Dor, Federmann: NS-Parnass in Österreich, S. 27  f. 95 Vgl. Weigel: Stalins Brückenköpfe in Oesterreich – Zur Situation der linksstehenden Intellek- tuellen. In: Der Standpunkt. Wochenzeitung für abendländische Kultur-Politik und Wirtschaft  4 (1950) H.  20, 19.5.1950, S.  5. Weigel verwendet den Begriff für sozialistisch ausgerichtete Intellektuelle, die sich nicht für das Bekenntnis zum Westen entscheiden können, aber auch im Bezug auf den Kommunismus zu den „Flüchtlingen und Abtrünnigen“ gehören. Sie seien der Meinung, dass „angesichts des Neuerstarkens der Nationalsozialisten alle Anti- faschisten sich sammeln müssten“. Weigel befürchtet eine Stärkung des kommunistischen Lagers durch derartige antifaschistische Propaganda und gründet darauf die Vorstellung einer Sym- biose zwischen Neo-Nazismus und Kommunismus. ‚Heimatlose Linke‘ stehen für ihn in der Nähe der Fellowtraveller. Arrangements und gemeinsame Tische 289
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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