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sie sich, wozu diese „jämmerliche Einträchtigkeit“ (UMI 173) dient. Neben dem
persönlichen Opportunismus der Beteiligten gibt der Text noch eine andere Ant-
wort. Als der Ich-Erzähler über die irrwitzige Situation spricht, dass auch Juden,
deren nächste Verwandte von den Nationalsozialisten ermordet wurden, wieder
mit den Nazis und ihren Mitläufern an einem Tisch sitzen, meint er:
Damals, nach 1945, habe ich auch gedacht, die Welt sei geschieden, und für im-
mer, in Gute und Böse, aber die Welt scheidet sich jetzt schon wieder und wieder
anders. Es war kaum zu begreifen, es ging so unmerklich vor sich, jetzt sind wir
wieder vermischt, damit es sich anders scheiden kann, wieder die Geister und
Taten von anderen Geistern und Taten. Verstehst du? (UMI, 173)
Auch wenn es nicht explizit ausgesprochen wird: Stellt man diese Passage in
ihren historischen Kontext, dann ist hier von der Transformation der bis 1945
den Diskurs bestimmenden Dichotomie Nationalsozialismus vs. seine Gegner
in die den Kalten Krieg bestimmende Dichotomie von westlichen vs. kommu-
nistischen Staaten die Rede, eine neue grundlegende „Unterscheidung“. Kom-
munisten sitzen keine am Tisch, die neue Eintracht, die hier im Zeichen des
Verdrängens gestiftet wird, ist gegen den neuen Feind gerichtet.98
Auf den Zusammenhang zwischen der nachsichtigen Inklusion ehemaliger
Nazis und der radikalen Exklusion aller des Kommunismus Verdächtigten bei
Österreichs Kalten Kriegern weist noch deutlicher eine Tischgesellschaft in Ulrich
Bechers 1957 erschienenem Roman kurz nach 4 hin, ein Text, der sich mit den
Nachwirkungen des Krieges im Jahr 1955 beschäftigt und in zahlreichen Rück-
blenden die Verstrickung von Österreichern in die nationalsozialistischen Ver-
brechen ebenso thematisiert wie das allgegenwärtige Verdrängen:
Unter den Fittichen der amerikanischen Besatzungsmacht zurück kehrte eine
Handvoll jüngerer mediokrer, vorwiegend jüdisch-bürgerlicher Wiener Intellek-
tueller, die vorm Zweiten Krieg in die Staaten emigriert waren und dort nicht
reüssiert hatten, […] remigrierend ausgerichtet nach dem Exerzierreglement und
Katechismus des ‚Komitees Für Unamerikanische Machenschaften‘, darin das
Hauptwort führte jener Senator Joseph McCarthy, der sich unter Ausnützung der
allgemeinen Atomschizophrenie (Atomspaltungsirresein) als Großinquisitor al-
les ‚Roten‘ zu etablieren gedachte. […] fraternisierte […] mit den Nutznießern
98 Freilich steht diese Konstruktion unter keinem guten Stern, wie Bachmanns Erzählung deut-
lich macht, denn die unter den Stammtisch gekehrte Seite der Vergangenheit schwillt im Neben-
raum bei einem Kameradschaftstreffen in Form alter Nazi-Gesänge bedrohlich an und entlädt
sich schlussendlich in einem spontanen Gewaltausbruch, einem Mord durch die „alten Front-
soldaten“ (UMI, 186) an einem, der sie angeblich provoziert, das kann nur heißen, an ihre Taten
erinnert hat. Arrangements und gemeinsame Tische 291
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918