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Schon der Begriff ‚Kalter Krieg‘ steht in engem Zusammenhang mit der ato-
maren Bedrohung. Im Oktober 1945 skizziert George Orwell die weltpolitische
Situation als zunehmende Abkapselung von zwei bis drei Großmächten, die allein
sich die teure und enorm zerstörerische Atomwaffe leisten können und die sich
so gegenseitig in Schach halten. Er nennt dies einen „peace that is no peace“4
oder einen „cold war“5 und erklärt:
The atomic bomb may complete the process [of insulating one nation from an-
other] by robbing the exploited classes and peoples of all power to revolt, and at
the same time putting the possessors of the bomb on a basis of military equality.
Unable to conquer one another, they are likely to continue ruling the world be-
tween them, and it is difficult to see how the balance can be upset except by slow
and unpredictable demographic changes.6
Im Jahr darauf verwendete der Publizist und Mitarbeiter des langjährigen ame-
rikanischen Präsidentenberaters Bernard
M. Baruch, Herbert
B. Swope, den sel-
ben Terminus, um den erbitterten diplomatischen Konflikt zu bezeichnen, der
bei den UN-Atomenergie-Verhandlungen 1946 zwischen den beiden Großmäch-
ten USA und UdSSR entstand. Wiederum ein Jahr später erschien eine Broschü-
re mit dem Titel The Cold War (1947) von dem bekannten US-amerikanischen
Journalisten Walter Lippmann.7 In der Folge wurde der Begriff in Bezug auf die
konfliktreiche Beziehung zwischen der Sowjetunion und den USA auch in der
Geschichtswissenschaft verwendet.8
Es herrscht bis heute eine Debatte darüber, ob bereits der Abwurf der Atom-
bomben auf Japan als Drohung an die Sowjetunion und damit als Beginn des
Kalten Krieges angesehen werden kann.9 Stalin interpretierte es jedenfalls in
4 George Orwell: You and the Atomic Bomb. In: Tribune. Labour’s Independent Weekly,
19.10.1945. Zit. n. ders.: The Collected Essays, Journalism and Letters of George Orwell. Vol.
IV,
In Front of Your Nose 1945–1950. Edited by Sonia Orwell and Ian Angus. London: Secker &
Warburg 1968, S. 6–9, hier S. 10.
5 Ebd., S. 9. Vgl. Odd Arne Westad: The Cold War and the International History of the Twen-
tieth Century. In: Melvyn
P. Leffler, ders. (Hg.): The Cambridge History of the Cold War. Vol.
I,
Origins. Cambridge [u.a.]: Cambridge Univ. Press 2010, S. 1–19, hier S. 3.
6 Orwell: You and the Atomic Bomb, S. 9.
7 Vgl. Bernd Stöver: Der Kalte Krieg, S. 11. Zum Zusammenhang von Abschreckungspolitik
mittels Nuklearwaffen und dem ‚negativen Frieden‘ des Kalten Krieges vgl. auch Werner Kal-
tefleiter: Nukleare Waffen. Abschreckung und Friedenssicherung. In: Michael Salewski (Hg.):
Das nukleare Jahrhundert. Eine Zwischenbilanz. Stuttgart: Steiner 1998, S.
252–257, hier S.
255.
8 Vgl. Westad: The Cold War and the International History of the Twentieth Century, S. 3.
9 Vgl. zu dieser Debatte David Holloway: Nuclear Weapons and the Escalation of the Cold War,
1945–1962. In: Leffler, Westad (Hg.): The Cambridge History of the Cold War. Vol. I, S. 376–
397, hier S. 376. Die These, dass Japan im August 1945 kein ernstzunehmender Kriegsgegner
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296 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918