Seite - 308 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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pazifistische Wunschvorstellung einer friedlichen Nutzung dieser Elementar-
kraft jenseits des bedrohlichen Konfliktes zwischen den Systemen. Dieser Kon-
flikt wird im Roman durch die Darstellung der Motive sowohl eines idealisti-
schen Sowjetspions als auch jene eines militant antikommunistischen
Atomphysikers, Professor Hedecronen, greifbar gemacht.
Donald wünscht sich im Gegensatz zu diesen beiden das Ende des Kalten Krie-
ges, das im Roman zwar nicht eintritt, jedoch kann Donald sich in Hinkunft
zumindest selbst aus den Kriegsvorbereitungen fernhalten. Am Ende des Romans,
nach einer abgewehrten Entführung von Donald und seiner Kollegin Barbara
Elström durch Sowjet-Agenten, führt der Abteilungsleiter Professor Hedecronen
ein Gespräch mit Elström, in dem er seine Absichten für die Zukunft erklärt:
Zuerst muß Donald wieder ganz auf die Beine kommen, auch seelisch. Sie werden
ihm dabei sehr behilflich und förderlich sein, [...]. Und dann schlage ich vor, daß
Donald für ein Jahr nach Elkie geht, um sich praktisch in sein neues Gebiet ein-
zuarbeiten. [...] Ich möchte, daß sich Donald von nun ab ausschließlich mit der
technisch-wirtschaftlichen Verwertung der Atomkraft befaßt. Ich weiß, daß das
schon stets sein Wunsch war und bin überzeugt, daß er die Sache außerordentlich
vorwärtsbringen würde. (ZGT 330)
Hedecronen ebnet dem jungen Paar den Weg zum Studium und zur erfolgrei-
chen Arbeit an der friedlichen Atomenergie und schlägt auch eine baldige Hei-
rat vor. Damit sind Handlungselemente versammelt, die ein ‚Happy End‘ erwar-
ten lassen. Aber die Passage klingt folgendermaßen aus:
„Und die H-Bombe?“ flüstert sie.
„Die werden wir fertig machen“, sagt Hedecronen, und sein Mumiengesicht wird
wie Stein.
„Und der gestohlene und verschwundene Entwurf für den H-7-Bericht?“
„Wir brauchen ihn ja nicht mehr und die anderen haben ihn nicht. Wie lange noch
– weiß ich nicht. Wollen wir hoffen ...“
‚Ja – wollen wir hoffen!‘ denkt Barbara inbrünstig. [...] Aber sie hofft nicht ganz
das gleiche wie der alte Mann neben ihr ... (ZGT 331)
Der Text arbeitet mit Darstellungsmodi der Trivialliteratur, entwirft dadurch
aber umso sprechendere Bilder: Der ‚verhärtete‘ alte Mann Hedecronen, der sei-
ne Frau bei einem Überfall sowjetischer Soldaten verloren hat, ist nicht bereit,
seine kriegerische Haltung aufzugeben. Das junge Paar, das wohl auch Kinder
haben wird, stellt den friedenswilligen, auf die Zukunft ausgerichteten Part dar,
der mit Elementen der kleinbürgerlichen Idylle, dem Happy End und nicht zuletzt
mit der friedlichen Nutzung der Atomenergie verbunden wird.
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308 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918