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Das höhere Energie- und Machtpotential würde laut Friedell also keine höhe-
re Lebensqualität für die Allgemeinheit bedeuten, solange keine revolutionären
Veränderungen auf einer „moralischen“ Ebene, im grundlegenden menschlichen
Verhalten eintreten. Die Hoffnung auf eine moralische Revolution stellt nun eine
wichtige Dimension von Heers Der achte Tag dar, wobei hier die Nutzbarmachung
der Atomenergie als potentiell begünstigender Faktor gewertet wird. Denjokins
Projekt zur energietechnischen Befreiung der Menschheit bleibt ambivalent, da
es menschliche Ressourcen entfesselt, die einerseits eine gewalttätige Revolution,
andererseits auch eine Änderung der Zustände in Richtung einer moralischeren
Lebenspraxis bedingen könnten. Beide Optionen sind für die Weltregierung die-
ser Dystopie riskant, daher wird Denjokin in ein Lager verbracht. Ein hoher
Funktionär des BÜROS sorgt dafür, dass die Entwicklung der zivil nutzbaren
Atomenergie nur langsam vor sich geht und schließlich aufgegeben wird. John
Brown überlegt, was der Grund für diese Politik gewesen sein könnte:
Wollte er, wie es unter seinen schwächlichen Nachfolgern Maxime höchster Po-
litik wurde, die Atomenergie und ihre Dienstbarmachung für das tägliche Leben
der Menschheit völlig lahmgelegt wissen? Wagte er es nicht, dieses gewaltigste
Werkzeug der Menschheit wirklich in die Hand zu geben aus Furcht vor unüber-
sehbaren soziologischen und politischen, geistigen und seelischen Entwicklun-
gen, die nach den bisher bekannten Gesetzen nicht gemeistert werden könnten?
Fürchtete er den Sturz des BÜROS, oder gar eine Menschendämmerung? (AT 70)
Die utopische Dimension der Nutzung von Atomenergie, die der Der achte Tag
entwickelt, wird eng mit christlichen Vorstellungen verbunden, die nicht ohne
Pathos formuliert werden. „Und es wird doch gelingen. Die Arbeit am Atom
wird nicht eher ruhen, bis dieses dem Menschen eine neue Welt geschenkt hat.“
(AT 73). Diese „Arbeit am Atom“ zielt auf Ordnung, Frieden und Christentum.
Der Roman macht aber auch einen zerstörerischen – dem „Antichrist“ zugeord-
neten Umgang mit der
[…] zuchtlos entfesselte[n] Kraft des Atoms [denkbar], dessen Wandlung – im
Einsatz, im Maß, in der Ordnung des Friedens – Zeichen Christi, höchstes irdi-
sches Sakrament – im Einsatz des Krieges, des Chaos aber Zeichen, Sakrament des
Antichrist ist. (AT 280)
Es gehe in erster Linie darum, die negativen psychischen Energien in positive
zu wandeln, wodurch dann auch die in der Umwelt vorkommende Energie posi-
zen Pest bis zum ersten Weltkrieg [1927–32]. Bd. 3, Romantik und Liberalismus / Imperialis-
mus und Impressionismus. 23.–27. Aufl. München: Beck 1950, S. 421 f.
Atomenergie und geistige Energie 313
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918