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Immerhin wird die Übernahme der Arbeit durch natürliche Enerieressourcen
als günstige Bedingung für die Mobilisierung dieser geistigen Energien gewer-
tet. Geists Roman stellt den Kalten Krieg als besonders gefährlichen Konflikt
dar, da er auf einer technischen Entwicklungsstufe stattfindet, die Eingriffe in
die imaginierte energetische Grundstruktur des Daseins erlauben.
Atomfaszination und Atomangst
Wo „Massenmord und Schönheit eins werden“64
Der Kameramann: Achtung! Aufnahme! Licht!
Der Produzent: Weiße Bäume steigen zum Himmel! Lautlos! Sonnenhell! [...]
Die drei Herren: Das Münster von Straßburg! Die Brücken von Prag! Die Kuppel
von Rom! Die Tempel Indiens! Die Straßen New Yorks!
Der Regisseur: Hinaufgeworfen zu den Wolken! Entgegen der Schwerkraft!
Der Kameramann: Keine Trickaufnahmen!
Der Regisseur: Die Bäume verfärben sich! Orange! Rot!
Der Produzent: Violett! Purpur! Der Film des Jahres! In glühenden Farben! [...]
Der Produzent: Millionen Mitwirkende! Grandiose Massenszenen!
Der Kameramann: Großaufnahme! Einblenden!
Der Regisseur: Mutter mit schreiendem Kind versinkt im Schlamm!
Der Kameramann: Musik! Händel! Messias!
Der Produzent: Die Menschen und Tiere, alle verbrannt!65
Die zitierte Passage stammt aus Hans Friedrich Kühnelts „Atomdrama“66 Es ist
später als du denkst, das 1957 bei den Bregenzer Festspielen mit dem zweiten
Preis des Dramatikerwettbewerbs ausgezeichnet, aber erst 1963 im Stadttheater
Saarbrücken uraufgeführt wurde. Die Handlung ist in einer postapokalyptischen
Szenerie angesiedelt und enthält wie das Flüchtlingsdrama Straße ohne Ende
(1963) desselben Autors zahlreiche traumartige Sequenzen. Die zitierte Passage
stellt eine Imagination des Atomkriegs dar, welche die mephistophelische Figur
„Herr Co“ dem Physiker Albert, der – ohne es zu wollen – an einem apokalyp-
tischen Atomkrieg mitgewirkt hat, von seinen Gehilfen vorführen lässt. Diese
64 Vgl. Manfred A. Schmid: Im Schatten der Atombombe. Literatur zu einem Menschheitstrau-
ma. In: Wiener Zeitung, 15.12.1995, Beilage, S. 6.
65 Hans Friedrich Kühnelt: Es ist später als du denkst. [UA: 15.2.1963, Saarbrücken]. Typoskript:
Wien, München: Sessler, S. 55 [im Folgenden mit EIS abgek.].
66 Diese Gattungsbezeichnung entnehmen wir einer Rezension: dreb.: Friedrich Kühnelts Atom-
drama eine Enttäuschung. Uraufführung von ‚Es ist später als du denkst‘ im Stadttheater. In:
Saarbrücker Landeszeitung, 19.2.1963, [S. 10]. Atomfaszination und Atomangst 315
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918