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präsentieren die drastischen Zerstörungen als ästhetisches Spektakel,67 was alle
moralischen Fragen in den Hintergrund treten lassen soll, in der scharfen Kon-
trastierung aber nur umso zynischer wirkt. Damit wird Kritik an einem ästhe-
tisierenden medialen Umgang mit dem Phänomen der Atombombe geübt, wie
er im US-amerikanischen Raum für die Zeit zwischen 1945 und 1955 zu ver-
zeichnen ist.
In Bezug auf die ersten Atombombentests in Alamogordo Mitte Juli 1945
spricht Michael Salewski von einem „mythische[n], erhabene[n] Schaudern“
oder einer „Angstlust“68 unter den beteiligten Wissenschaftlern. Ilona Stöl-
ken-Fitschen führt die beträchtliche Verspätung, mit der der Schock über die
Atombombe einsetzte, unter anderem auf die faszinierende Komponente dieser
neuartigen Entdeckung zurück:
Visionen und Phantasien, einfach auch Faszination angesichts der ungeheuren
Möglichkeiten, die den Menschen hier gegeben schienen, spielten gerade in der
Anfangsphase des atomaren Zeitalters eine große Rolle und lenkten so manches
Mal von den tatsächlichen Fakten ab.69
Stölken-Fitschen erklärt weiter, dass die US-Regierung Interesse daran hatte, die
schädlichen Langzeitwirkungen der Atombombe auf die japanische Bevölkerung
nicht in den Mittelpunkt des Medieninteresses rücken zu lassen.70 Auch in Japan
bemühte man sich um einen möglichst schnellen Wiederaufbau im Interesse des
Tourismus. Im deutschsprachigen Raum war die Medien- und Informations-
landschaft zur Zeit der Bombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki ebenfalls
zerschlagen, sodass erst im November 1945 ein Wochenschaubericht darüber
zu sehen war.71
In den ersten zehn Jahren nach ihrem Einsatz in Japan wurde die Atombom-
be in der westlichen Welt als Waffe von ungeheurer Wirkung mit „kosmischen
Kräften“72 angesehen, die jedoch insofern vielfach positiv bewertet wurde, als
67 Auch in Goethes Drama Faust gebietet Mephistopheles über Geister, die „gefällig[e]“ „Kunst“
präsentieren und den Gelehrten dadurch dem Einfluss des Dämons ausliefern. Johann Wolf-
gang Goethe: Faust. Texte. Hg. v. Albrecht Schöne. Frankfurt/M., Leipzig: Insel 2003, S. 68.
68 Michael Salewski: Einleitung: Zur Dialektik der Bombe. In: Ders. (Hg.): Das Zeitalter der Bom-
be, S. 7–26, hier S. 8.
69 Stölken-Fitschen: Der verspätete Schock, S. 140. Vgl. zur Angstlust an der Bombe auch: Raulff:
Strahlungen, S. 48.
70 Boyer spricht für die ersten Jahre nach den Atombombenabwürfen in Japan von einem „care-
fully managed news environment“ in den USA, in dem über die Strahlenkrankheit kaum ein
Wort verloren wurde. Boyer: By the Bomb’s Early Light, S.
187. Zur restriktiven Informations-
politik der USA vgl. auch Raulff: Strahlungen, S. 45.
71 Stölken-Fitschen: Der verspätete Schock, S. 140–142.
72 Ebd., S. 143. Stölken-Fitschen: Bombe und Kultur, S. 258. Vgl. auch ebd., S. 261.
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316 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918