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stellung eines unrechtmäßigen Aufbegehrens gegen Gott als Schöpfungs-, Ver-
geltungs- und oberste Machtinstanz sowie die potentielle Strafe Gottes für die-
sen Erkenntnisgewinn insinuiert wird:
Dann wurden die Berge verwandelt und wuchsen zu einem riesigen Baum an,
der sich nach allen Richtungen hin ausbreitete und viele unsichtbare Früchte trug
– Alphateilchen, Elektronen, Protonen, Neutronen, Gammastrahlen –, Früchte
des Baumes der Erkenntnis, deren Genuß der Mensch nur mit seinem Untergang
begleichen kann.88
Der biblische Stoff der Sündenfallerzählung stellt auch ein zentrales Narrativ
eines Romans der österreichischen Schriftstellerin Hannelore Valencak, Die
Höhlen Noahs89 (1961), dar. Der Roman beginnt mit einem verheerenden Atom-
krieg und der Flucht einer kleinen Gruppe Überlebender in einen abgelegenen
Talkessel mit einem unterirdischen Höhlensystem, in dem schließlich fünf Per-
sonen als letzte Menschen der Erde überleben. Darunter ist die junge Frau Mar-
tina, deren noch im Kleinkindalter befindlicher Bruder Georg bei der Flucht das
Bewusstsein verliert. Einer der letztlich Überlebenden, der nur „der Alte“ genannt
wird, erweckt Georg aus der Ohnmacht, wodurch er ihm laut Martina „neuen
Atem eingeflößt“ (HN 41) habe. Damit übernimmt der Alte jene Funktion für
Georg, die der biblische Gott für Adam hat.90 Zur selben Zeit, als Georg erweckt
wird, wird in der Höhle die Enkelin des Alten, Luise, geboren. Georg und Luise,
die neue Generation, wachsen wie Adam und Eva ohne Wissen über die Schuld-
fähigkeit des Menschen auf, da ihnen niemand von der Atomapokalypse erzählt.
Zugleich wird ihnen auch jedes Wissen über die positiven Kräfte von Liebe und
Zeugung vorenthalten, da der Alte als neuer Schöpfer, als der er im Roman
erscheint, sich gegen eine Fortpflanzung des Menschengeschlechts entscheidet.
Das Narrativ des biblischen Sündenfalls wird in einer Passage des Romans
variiert, in der Luise Georg zu einer verschlossenen Truhe führt, in der Kleider
verwahrt sind, die aus der Zeit vor der Katastrophe stammen. Luise und Georg
wollen das vor ihnen verborgene Wissen aufdecken und interessieren sich für
das Leben und die Kultur der Menschheit vor der Apokalypse, weshalb Luise ein
Kleid aus der Truhe anprobiert. Als sie den Alten hören, verstecken sie sich.
„Luise duckte sich in Georgs Arm, der fest um ihren Rücken lag. ‚Mein Hemd‘,
88 Ebd., S. 233.
89 Hannelore Valencak: Die Höhlen Noahs. Wien: Wollzeilen Verl. 1961 [im Folgenden abgek.
HN].
90 Vgl. 1. Buch Mose (Genesis) Kapitel 2, Vers 7. „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus
Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem
lebendigen Wesen.“
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322 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918