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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Der Mensch spielt nun den Produktionsprozess Gottes, er ist sich selbst der alleser- schaffende Vater, der allesfordernde Sohn und der allesverwandelnde Heilige Geist. Dergestalt entsteht eine maßlose Überforderung und Überreizung des Menschen; der in dieser Überbeanspruchung zerschlissen wird zum ‚Menschenmaterial‘, das von jenen schrecklichen Einzelnen (Hegel nennt sie welthistorische Individuen) an sich gerissen wird, die sich anmaßen, neue Weltbaumeister zu sein.97 Ein weiterer Text, der die Atomspaltung mit der Figur des Faust und der zwei- felhaften menschlichen Übernahme traditionell göttlicher Aufgaben in Verbin- dung bringt, ist Ulrich Bechers bisher unaufgeführtes Drama Die Kleinen und die Großen (1955).98 Darin wird der Alltag des größenwahnsinnigen „[n]eoab- solutistischen“ (KG 305) Diktators Valdemario Adolar gezeigt, der durch die Ermordung eines deutschen Physikers eine geheime Wunderwaffe in seinen Besitz gebracht hat, mittels der er nun die Weltherrschaft im Zeitalter des Kal- ten Krieges – als Anführer einer dritten Macht – anzustreben gedenkt. Mit die- ser Waffe, der „Zinnoberbombe“ (KG 317), wird das Ringen um immer effekti- vere Kernwaffentypen parodiert, das von der Uran- und Plutonium- zur Wasserstoffbombe und schließlich zur Kobaltbombe fortschreitet.99 Da es sich um eine ironisch gebrochene, utopische Komödie handelt, wird kein tragisches Ende dargestellt: Der unfähige und psychisch zerrüttete Diktator wird an seinem Vorhaben gehindert. Er leidet unter Verfolgungswahn und wähnt 97 Friedrich Heer: Hegel, der Philosoph des siebenten Tages. In: Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Hegel. Ausgewählt und eingeleitet v. Friedrich Heer. Frankfurt/M., Hambrug: Fischer 1955, S.  7–61, hier S.  60  f. 98 Das Stück sollte 1959/60 von der Städtischen Bühne Gießen aufgeführt werden. In der DDR wurde das erste Bild des ersten Aktes abgedruckt. Ulrich Becher: Die Kleinen und die Großen. Neue Zauberposse in zwei Akten [Auszug]. In: Aufbau  11 (1955) H.  11/12, November/Dezem- ber, S.  1069–1077. Zudem erfuhr der Text eine Besprechung durch Werner Mittenzwei: Dra- matik gegen die Atomkriegsgefahr [1961]. In: Ders.: Kampf der Richtungen. Strömungen und Tendenzen der internationalen Dramatik. Leipzig: Reclam 1978, S.  349–435, hier S.  399–403. Mittenzwei lobt Bechers „Zauberposse“: „[E]in sehr reizvolles, wenn auch recht eigenwilliges und kompliziertes Werk. Der Autor hat bei diesem Stück bestimmte Traditionen und Formele- mente des alten Wiener Volkstheaters verwendet.“ (ebd., S.  399). Besonders positiv wertet Mit- tenzwei das Motiv des Volksaufstandes, das an die Stelle der individuellen terroristischen Tat tritt, die kontrastiv etwa an Kurt Becsis Drama Atom vor Christus (1952) aufgezeigt wird. 99 Dieser waffentechnische Fortschritt wird in Die Kleinen und die Großen auch narrativ darge- stellt: vgl. KG 315–317. Auch der Zimmerschmuck des Diktators weist darauf hin: „vom katha- gischen Schwert, der mittelalterlichen Arkebuse bis zu Modellen thermonuklearer Geschosse“. (KG 295; Kursiv. im Orig.) Der Text ist insgesamt von Verweisen auf Kernwaffen engmaschig durch- zogen. Auch der von Adolar vergötterte Riesenpython Kaa wird mit der Atombombe assoziiert, wenn der von der Revolution bedrängte Diktator ihn mit den Worten befreit: „Zerbrechen wird die Kraft eines Riesen das dicke Glas deines Zwingers,“ (KG 396). „Die Kraft eines Riesen“ – A Giants Strengh nennt auch Upton Sinclair sein Atomdrama von 1948. Atomfaszination und Atomangst 325
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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