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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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und ihren Lebenswillen, der sich im Falten von weit über tausend Papierkrani- chen ausdrückte,111 die dem Mythos zufolge einen Wunsch erfüllen sollen, wur- de sie zum Symbol für die Antiatomwaffenbewegung. Bruckner erfuhr von dem Fall durch Robert Jungk,112 der 1956 eine Hiroshimareise unternahm und auf dieser Grundlage 1959 das dokumentarische Buch Strahlen aus der Asche ver- fasste.113 Bruckner verarbeitete den Fall literarisch und veränderte zu diesem Zweck teilweise Namen und Fakten. Die vierjährige Sadako aus Bruckners Roman und ihr zehnjähriger Bruder Shigeo müssen sich in der entbehrungsreichen Kriegszeit fast ohne elterliche Hilfe durchschlagen, da der Vater Militärdienst leistet und die Mutter in einer Rüstungsfabrik arbeitet. Sadako ist ständig müde und hungrig. Als sie weint und ihr die alte Nachbarin Frau Kumakichi droht, der böse Drache Chikamatsu fres- se weinende Kinder, äußert Sadako die Theorie, der böse Drache habe wohl auch schon den Großteil der Nahrung für die Bevölkerung aufgefressen. Daraufhin meint die alte Frau: ‚Ah, wie traurig ist das! Die Kleine meint, der Drache frißt uns alles weg, weil es so wenig für uns zu essen gibt  ...‘ Sie stockte, spähte nach links und rechts, und als sie keine unerwünschten Zuhörer bemerkte, setzte sie eifrig fort: ‚Aber ich sage – der Krieg ist dieser Drache. Er wird uns noch alle fressen.‘ (SWL 35) Die mythologische Figur des Drachen wird hier verwendet, um der ungeheuer- lichen Situation der Kriegszeit eine Gestalt zu geben und sie so begreifbar zu machen. Die Verbildlichung und Erklärung dieses bedrohlichen Zustands ist für die Romanfiguren ein Bedürfnis. Dies gilt noch stärker für das ungeheuerliche Geschehen des Atombombenabwurfs. Am Vortag des Bombenabwurfs träumt Frau Kumakichi von einem Erdbeben und dem Herabstürzen der Sonne. Als Sadako wissen möchte, was ein Erdbeben sei, erklärt Shigeo: Ein Erdbeben wird von bösen Dämonen gemacht. Die sind tief, tief in der Erde drinnen. Sie wollen manchmal heraus – und weil sie nicht können, werden sie zor- nig und schütteln die ganze Welt. [...] Die Sonne? [...] Vielleicht erschrickt sie, weil ihre Schwester, die Erde, wackelt, und fällt vor Schreck vom Himmel. (SWL 91) 111 Vgl. Masahiro Sasaki: Meine kleine Schwester Sadako. Hg. v. Ingrid u. Christian Mitterecker. Weitra: Bibl. d. Provinz [2006], S.  98: „Als die Zahl der Kraniche eintausendsechshundert erreichte, war ihr Körper schon sichtlich schwach geworden.“ 112 Atsuko Hayakawa: Hiroshima nicht vergessen: ‚Sadako will leben‘ als Beitrag zur Lösung eines japanischen Dilemmas. In: Fuchs, Schneck (Hg.): Der vergessene Klassiker, S.  143–151, hier S.  146. 113 Vgl. Robert Jungk: Strahlen aus der Asche. Geschichte einer Wiedergeburt. Bern, Stuttgart, Wien: Scherz 1959, S.  305. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 330 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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