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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Die kurz darauf folgende Bombendetonation wird von Shigeo dann zunächst als Erdbeben identifiziert (vgl. SWL 101). Als die Mutter der beiden Kinder die Zerstörungen und Brände durch die Bombe sieht, heißt es im Text: „Sie starrte voll Entsetzen auf dieses Werk von Dämonen. Denn nur solche konnten diese überirdische Riesenfackel entzündet haben, um Menschen zu strafen. Aber wofür?“ (SWL 108) Der Pilot des amerikanischen Bombenflugzeuges ist nicht weniger erschrocken über die Wirkung und greift ebenfalls zu metaphysischen Begriffen und Symbolen: „So unirdisch schaurig war dieses Urweltfeuer“ (SWL 109); er kann nicht glauben, was er sieht, „weil eine solche teuflische Erfindung nicht von Menschen mit Vernunft ersonnen werden konnte“. (ebd.) Ein Freund der Familie meint zehn Jahre später in Bezug auf die radioaktive Strahlung immer noch: „Ich halte das für einen bösen Zauber.“ (SWL 156) Dämonen, Ungeheuer, das Teuflische, ein böser Zauber114 – diese magischen Vorstellungsbilder sollen das rational Unfassbare der Atombombendetonation und der unsichtbaren Strahlung fassbar machen. Für den Pazifisten Bruckner sind die Bilder für Krieg und Waffen freilich negativ besetzt, mit Aspekten von Bedrohung, Unkontrollierbarkeit, Zerstörungswillen. Da diese Bilder sowohl vom amerikanischen Flugzeugpiloten als auch von der japanischen Rüstungs- arbeiterin verwendet werden, wird die Dämonie des Krieges als gegen beide Sei- ten gerichtet gezeigt. Nicht Japan oder die USA, sondern der Krieg ist der ‚böse Drachen‘ in Bruckners Roman. Damit wird in Sadako will leben! eine dritte Posi- tion im Kalten Krieg markiert, die den Krieg generell verdammt, der mit dem Einsatz von Kernwaffen und der potentiellen Vernichtung allen menschlichen Lebens auf der Erde eine neue Dimension erreicht hat. 114 Der Atomspaltung wird nicht nur in der fiktionalen Literatur ein dämonischer, übernatürli- cher Zug verliehen. So erzählt Jungk, dass der erste Bombentest in Alamogordo unter dem Decknamen „Trinity“ durchgeführt wurde, wobei auch eine von Indianern verlassene, verfluch- te Türkis-Mine bei Los Alamos diesen Namen trug (vgl. Jungk: Heller als tausend Sonnen, S.  202). Weiter berichtet er, dass die hochradioktiven Gebäude, in denen die Bestimmungen der kritischen Masse für die Zündungsmechanismen der H-Bombe per ferngesteuerter Appa- ratur vorgenommen wurden, nach den heiligen Zeremonienkammern der Pueblo-Indianer Kivas genannt wurden. Die Analogie besteht darin, dass die Kivas ebenso wie die verstrahlten Gebäude von ‚Normalsterblichen‘ nicht betreten werden durften (ebd., S.  308  f.). Die erste, noch mit Tritium betriebene H-Bombe der USA, die Anfang November 1952 die Insel Eluge- lab im Meer verschwinden ließ, erinnerte in ihrer monolithischen Schutzkabine „einige Teil- nehmer des Tests an die ‚Kaaba‘, den heiligen Stein, der nach Mekka pilgernden Mohammeda- ner“ (ebd., S.  309). Assoziationen wie gefallene Engel, Zauberlehrlinge, die Faustfigur und das Numinose in Bezeichnungen wie „Trinity“ finden sich auch in dem Ausstellungskatalog von Raulff: Strahlungen, S.  91 u. 101. Atomfaszination und Atomangst 331
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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