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1957 formierten sich Atomprotestbewegungen, welche die existenzielle Bedro-
hung anklagten, die von den Waffentests ausging. Diese interferierten und kol-
lidierten mit der kommunistischen Propaganda, die kontinuierlich Atomprotest
betrieb.125 Die Akteure und Akteurinnen dieser Bewegungen entzogen sich ein-
deutiger Zuordenbarkeit im Rahmen der bipolaren Logik des Kalten Krieges.
Schreibende aus der DDR wie Anna Seghers und Stephan Hermlin reagierten
ebenso auf das Testunglück von 1954 wie Schriftsteller aus der BRD wie Wolf-
gang Weyrauch, Hans Baumann und Horst Bingel.126 Auch einige österreichische
Literaturschaffende, die sich keineswegs zum Kommunismus bekannten, schlu-
gen sich in der Debatte, die sich prägnant auf die Formel „Lieber rot als tot?“127
zuspitzen ließe, auf die Seite der „Atomprotestierer“.128 Damit unterstützten sie
allerdings Ziele, welche kommunistische Organisationen wie die KPÖ besetzt
hatten.129 Das öffentliche Interesse am Testunglück 1954 wurde von diesen begrüßt
und propagandistisch zu nutzen versucht. So schreibt Ernst Fischer in seiner
Broschüre Die Atomgefahr (1957):
Atomwolken kreisen um den Erdball. Der Wind trägt sie hierhin, dorthin. Der
Regen wird radioaktiv. Strontium 90 dringt in den Boden ein, wird von Gras
und Laub aufgenommen. Weidende Tiere fressen Strontium 90. In der Milch,
im Fleisch, in den Eiern ist Strontium 90 angespeichert. Mit den Lebensmitteln
schluckt das Kind die Todesstrahlen. [...] Prof. Albert Schweitzer hat von diesem
erschreckenden Anwachsen der Radioaktivität gesprochen[...].130
125 Vgl. z.B. Georg Klaus, Peter Porst: Atomkraft – Atomkrieg? Berlin: Verl. Kultur und Fortschritt
1949. Sowjetischer Informationsdienst (Hg.): Der Bankrott der Atomdiplomatie. Wien: o. V.
1950. [Wienbibliothek, Signatur: A 128087.] N.N.: Friedensrat 1950. [Sammlung von Doku-
menten der Wienbibliothek, Signatur: B 179997] N.N.: Für Frieden, gegen Atomkrieg! Rede
Joliot-Curies. Appell gegen die Vorbereitung des Atomkrieges. Aufruf an die Völker Europas.
Erklärung des Büros des Weltfriedensrates „An alle Österreicher!“ Aufruf des Österr. Friedens-
rates. Wien: SID [u.a.] 1955. Ernst Fischer: Die Atomgefahr. Karl Bittel (Hg.): Atomwaffenfreie
Zone in Europa. 2. Aufl. Berlin: Kongress-Verl. 1958.
126 Vgl. Bernward Vesper-Triangel (Hg.), Gudrun Ensslin (Red.): Gegen den Tod. Stimmen deut-
scher Schriftsteller gegen die Atombombe. Stuttgart-Cannstatt: Studio Neue Literatur 1964,
S. 39–47.
127 Vgl. Stölken-Fitschen: Atombombe und Geistesgeschichte, S. 254.
128 Torberg: ‚Fast das ganze geistige Deutschland ...‘, S. 167.
129 Kommunistischen Organisationen war es in den ersten fünf Nachkriegsjahren gelungen, „ihr
öffentliches Selbstverständnis so eng mit einer Friedensrhetorik zu verknüpfen, daß alle, die
sich für Frieden und Abrüstung engagierten, sehr schnell unter Kommunismusverdacht gerie-
ten“. Irene Stoehr: Phalanx der Frauen? Wiederaufrüstung und Weiblichkeit in Westdeutsch-
land 1950–1957. In: Christine Eifler, Ruth Seifert (Hg.): Soziale Konstruktion – Militär und
Geschlechterverhältnis. Münster: 1999, S. 187–204, hier S. 188.
130 Fischer: Die Atomgefahr, S. 2.
Anti-Atom = Politik? Die feinen Unterschiede im Friedenskampf 335
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918