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maßen positiv rezensieren. Die Botschaft des Romans findet grundsätzlich
Zuspruch von allen Seiten, wird aber mit kontroversen Akzenten versehen.
Richard Bamberger berichtet, dass der sozialdemokratische Verlag Jugend
und Volk eine Diskussion mit Vertretern der Schulbehörden, Lehrerinnen, Eltern,
Buchhändlerinnen und Journalisten veranstaltete, um zu erörtern, ob die Atom-
waffenthematik der Jugend überhaupt zugemutet werden dürfe. Man kam zu
dem Schluss, dass es wünschenswert sei, wenn die jungen Leute „sich wissend
in den Kampf gegen den Atomtod und für den Weltfrieden einschalten kön-
nen“.151 Bamberger nimmt allerdings wie Bruckner eine dritte Position im Kalten
Krieg ein, wenn er sowohl die Indienstnahmen des Jugendromans durch kom-
munistische Rezensenten im Kampf gegen die US-Politik verurteilt als auch kri-
tische Stimmen gegen die pazifistische Botschaft von einem antikommunisti-
schen Standpunkt:
Es wird fast allgemein anerkannt, daß Bruckner hier nicht Schuld und Sühne vertei-
len will, sondern in poetischen Bildern das Leiden des Menschen im Krieg darstellt,
ein übernationales ‚blockfreies‘ und allgemeinmenschliches Leiden. [...] Doch selbst
dieses Buch wurde – allerdings nur von wenigen Kritikern – in politische Auseinan-
dersetzungen hineingezerrt. Sadako darf nicht leben in einer Welt frei von Haß.152
In der DDR wurde der Jugendroman mit Vorbehalten positiv aufgenommen.
Ähnlich wie Ulrich Bechers kurz nach 4 lud er durch seinen Atomprotest und
die Friedensthematik zu Lob ein, jedoch fehlten jene ideologischen Muster, die
ihn zu einem parteilinienkonformen Werk gemacht hätten:
Trotz der vielen Handlungslinien [...] bleiben die Hintergründe der großen im-
perialistischen Kriege völlig ungeklärt. Der bürgerliche Pazifist gibt sich als hu-
manistischer Kritiker des Falles Hiroshima und lähmt doch die humanistischen
Abwehrkräfte des jungen Lesers mit seiner objektivistischen Haltung gegenüber
allen Parteien: gleich ob im kaiserlichen oder US-amerikanischen Generalstab,
gleich ob sie im Bombenflugzeug saßen oder von der Bombe getroffen wurden.153
Günther Anders dankte Bruckner für den Roman Sadako will leben! mit Papier-
151 Richard Bamberger (Hg.): Karl Bruckner. Leben und Werk. Wien: Jugend und Volk 1966, S.
55.
Zitiert wird hier der Vizepräsident des Presseclubs Concordia, Friedrich Lorenz. Im Vorstand
des Presseclubs Concordia befinden sich auch bekannte Gegner des Kommunismus wie Vin-
zenz Ludwig Ostry und Fritz P. Molden.
152 Bamberger (Hg.): Karl Bruckner, S. 55 f.
153 Günter Ebert: Ansichten zur Entwicklung der epischen Kinder- und Jugendliteratur in der
DDR von 1945 bis 1975. Berlin: Der Kinderbuchverlag 1976, S. 145.
Anti-Atom = Politik? Die feinen Unterschiede im Friedenskampf 341
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918