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die zudem in Leblosigkeit erstarrt. Die Protagonistin deutet diese Ungeheuer-
lichkeit als Angriff einer der beiden Großmächte mittels einer neuartigen Waf-
fe, deren Wirkungsweise an die Ende der 1950er-Jahre erstmals entwickelte Neu-
tronenbombe erinnert:
Über die Wand zerbrach ich mir nicht allzusehr den Kopf. Ich nahm an, sie
wäre eine neue Waffe, die geheimzuhalten einer der Großmächte gelungen war;
eine ideale Waffe, sie hinterließ die Erde unversehrt und tötete nur Menschen
und Tiere. Noch besser freilich wäre es gewesen, hätte man die Tiere verschonen
können, aber das war wohl nicht möglich gewesen.170
Die Verschonung zumindest einiger Tiere wird eben durch die Wand geleistet,
während die Menschheit durch diese „humanste Teufelei, die je ein Menschen-
hirn ersonnen hatte“ (ebd.) bis auf die Protagonistin verschwindet. Diese „the-
senhafte“171 Konstruktion eröffnet die Möglichkeit einer Erzählung, in der Kon-
ventionen der menschlichen Kultur experimentell aufgebrochen werden. Mit
diesen Konventionen – und den Männern172 – ist auch der Konflikt des Kalten
Krieges verschwunden und die Bestimmung der für den Einsatz der Massenver-
nichtungswaffe verantwortlichen Großmacht ist hinfällig.173 Der Text wendet
sich stattdessen dem Überlebenskampf der Protagonistin in einer menschenlo-
sen Natur zu und stellt dadurch die Frage nach der Beziehung zwischen Mensch
und Umwelt auf einer sehr grundsätzlichen Ebene.
Die Funktion des Bruchs mit der Vergangenheit und der Möglichkeit imagi-
nativer Neubestimmungen gilt auch für die postapokalyptischen Szenarien in
Die Höhlen Noahs, in Es ist später als du denkst und zum Teil in Augenzeuge
Menschheit. Die Literatur als Territorium der Imagination wendet sich so nicht
170 Marlen Haushofer: Die Wand. Gütersloh: Mohn 1963, S. 40.
171 Wendelin Schmidt-Dengler: Bruchlinien. Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis
1990, S. 191.
172 Der Text lässt sich in Hinsicht auf die oben entwickelten Genderrollen im Kalten-Kriegs-Kon-
text interpretieren: Mit der ‚Apokalypse‘ bzw. dem seltsamen Ereignis verschwinden alle Män-
ner aus dem Text und damit auch jede sinnlose Aggression. Am Ende des Textes taucht ein
Mann auf und mit ihm wiederum Aggression, deren Motivation unverständlich bleibt. Krieg
und Männlichkeit werden verknüpft und durch ‚die Frau‘ kontrastiert. Im Vergleich mit ande-
ren hier besprochenen Diskursen fällt am Atomdiskurs die rege Beteiligung von Autorinnen
auf: Neben Valencak, Haushofer, Bachmann und Hofbauer sind dies in Deutschland beispiels-
weise Gertrud von le Fort, Ursula Rütt, Rose Ausländer, Nelly Sachs, Anna Seghers, Elisabeth
Langgässer und Marie Luise Kaschnitz. Ein Grund dafür liegt möglicherweise in der Spezifik
diskursiver Verbindungen, die Atombomben mit Krieg und Tod, ‚die Frau‘ aber mit Leben und
Frieden verknüpfen.
173 Auch Laura Schütz ist der Meinung, dass der durch die Wand ermöglichte Utopos der Freiheit
gerade „keine politische Vision“ darstellt, da er Politisches im herkömmlichen Sinn aussperrt.
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348 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918