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soll US-Senator Michael J. Barrett gesagt haben.5 Eva Horn verfolgt das Nar-
rativ des Verrats von Wissen an den Feind bis zurück zur biblischen Erzählung
von Judas.6 Die historischen Fälle, die sich in dieses Paradigma einordnen las-
sen, sind zahlreich. Die Herausbildung von professioneller Spionage in Zusam-
menhang mit staatlichen Geheimdiensten ist laut Horn für den europäischen
Raum aber erst in der Zwischenkriegszeit, für die USA erst zur Zeit des Zweiten
Weltkrieges anzusetzen.7 In Deutschland ist für die Zeit ab 1914 von einer
„akuten Spionitis“,8 einem auffällig intensiven Spionagediskurs, zu sprechen.
Die Sowjetunion gründete ihren ersten Sicherheits- und Nachrichtendienst,
die „Tscheka“, schon bald nach der Oktoberrevolution.9 Stalins Paranoia vor
‚Volksfeinden‘, die er sowohl im In- wie auch im Ausland vermutete, bedingte
einen raschen Ausbau der sowjetischen Geheimdienste und Informantennetze.
Auch während des Zweiten Weltkriegs beschäftigte die Sowjetunion zahlreiche
Informanten, welche die Strategien der USA, Großbritanniens und Frankreichs
an Moskau weitergaben.10 Zu diesen gehörten auch der berühmte Atomspion
Klaus Fuchs und der Kreis um Julius und Ethel Rosenberg.11 Als kurz nach Ende
des Zweiten Weltkrieges wichtige sowjetische Geheimagenten und -agentinnen
wie Igor Gusenko oder Elizabeth Bentley zu den US-Behörden überliefen und
dabei ganze Spionageringe aufdeckten, verschärfte sich die Situation zunehmend,
da in den USA das Ausmaß der sowjetischen Spionagetätigkeit offenkundig wur-
de und in der UdSSR die Angst vor Verrätern und Verräterinnen stieg.12
Zur selben Zeit begann die Besetzung Österreichs und Deutschlands durch
die Alliierten. Die Großmächte des Kalten Krieges besaßen mit dem OSS („Office
of Strategic Service“) und der sowjetischen Operationseinheit mit dem inoffizi-
5 Vgl. Brett F. Woods: Neutral Ground. A Political History of Espionage Fiction. New York: Algo-
ra 2008, S. x. Vgl. auch die Titelgebung von: Manfred Fuchs: Der österreichische Geheimdienst.
Das zweitälteste Gewerbe der Welt. Wien: Ueberreuter 1994. Fuchs geht von einer Gründung
eines ersten österreichischen Geheimdienstes im Jahr 1506 aus.
6 Vgl. Horn: Der geheime Krieg, S. 12–15.
7 Vgl. Horn: Der geheime Krieg, S. 138.
8 Florian Altenhöhner: ‚Spionitis‘ – reale Korrelate und Deutungsmuster der Angst vor Spionen,
1900–1914. In: Werner Rammert [u.a.] (Hg.): Kollektive Identitäten und kulturelle Innovati-
onen. Ethnologische, soziologische und historische Studien. Leipzig: Leipziger Universitätsverl.
2001, S. 77–91, hier S. 89.
9 Vgl. Christopher Andrew, Wassili Mitrochin: Das Schwarzbuch des KGB. Moskaus Kampf
gegen den Westen. Berlin: Propyläen 1999, S. 37.
10 Vgl. Andrew, Mitrochin: Das Schwarzbuch des KGB, S. 158–221.
11 Vgl. zu den Aktivitäten der 1950 gefassten Spionagegruppe um das Ehepaar Rosenberg Andrew,
Mitrochin: Das Schwarzbuch des KGB, S. 187.
12 Vgl. zu sowjetischen Überläufern und Überläuferinnen in die USA um 1945 Andrew, Mitro-
chin: Das Schwarzbuch des KGB, S. 206 f. u. 209.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918