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Die Serie ist offensichtlich billig und rasch produziert und weist mit der Ver-
wendung schematischer Vorstellungen, identifikatorischer Wirkungsabsicht und
actionreichem Erzählen weitere Kennzeichen der Trivialliteratur auf.24 Die Figu-
ren zeichnen sich durch klare Identifizierbarkeit als Helden oder Bösenwichte
aus, wie sie für die Genretradition der „heroic spy story“25 kennzeichnend sind,
wobei die Heldenfiguren sich aus den Reihen des FBI und dessen fiktiver Son-
der-Untereinheit für Atomspionage, der „Federal atomic authoricity services
corps“ (F.A.A.S.C) (FAW 3), rekrutieren. Die Gegner sind Gangsterbanden, deren
Verbindungen zu größeren Organisationen oder Hintermännern im Dunkeln
gelassen werden. Der Autor knüpft ganz offensichtlich an das Genre der Detek-
tivgeschichte im Heftromanformat an, das sich im deutschsprachigen Raum gern
amerikanisierender und anglisierender Pseudonyme und Milieus bediente.26
Mit Beginn des Krieges häuften sich Hefte mit Agenten- und Spionagethema-
tik.27 Vor dem Hintergrund der Aufsehen erregenden Atomspionagefälle Klaus
Fuchs’ und des Ehepaars Rosenberg in den Jahren 1950/1951 lag die Entstehung
einer Spionageheftromanserie nahe.
Überraschend ist an diesen österreichischen Heftromanen, das sich hinter
dem Pseudonym Frank I. Noel der kommunistische Autor Karl Wiesinger ver-
birgt, der im Zweiten Weltkrieg Sabotageakte gegen die Deutsche Wehrmacht
verübte, was zu seiner dreimaligen Inhaftierung führte.28 Nach Kriegsende trat
er der KPÖ und der FÖJ bei und arbeitete über Vermittlung von Arnolt Bron-
24 Vgl. Ludwig Fischer: Heftromane. In: Ders. (Hg.): Hansers Sozialgeschichte der deutschen
Literatur vom 16.
Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bd.
10, Literatur in der BRD bis 1967. Mün-
chen, Wien: Hanser 1986, S.
546–563, hier S.
558. Eines der Vorbilder dürfte die zwischen 1928
und 1939 erschienene Reihe Tom Shark. König der Detektive von Elisabeth von Aspern-Buchmei-
er gewesen sein, da dieser Titel erwähnt wird in: Noel: Achtung, Atomspione. Särge für Ohio,
S. 7.
25 John G. Cawelti, Bruce A. Rosenberg: The Spy Story. Chicago, London: Univ. of Chicago Press
1987, S. 42.
26 Vgl. Inge Marßolek: Interationalität und kulturelle Klischees am Beispiel der John-Kling-Hef-
tromane der 1920er und 1930er Jahre. In: Alf Lüdtke, Dies., Adelheid von Saldern (Hg.): Ame-
rikanisierung. Traum und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Stuttgart: Steiner
1996, S. 144–160. Knut Hickethier: Der Alte Deutsche Kriminalroman. Von vergessenen Tra-
ditionen. In: Kurt Morawietz (Hg.): Leichen aus der Schreibmaschine. Aspekte der deutschen
Kriminalliteratur. Die Horen 31 (1986) Nr. 144, 4. Quartal, S. 15–23.
27 Vgl. Hickethier: Der Alte Deutsche Kriminalroman, S. 20 u. 22. Etwa zur selben Zeit erfährt
die „Spy novel“ erstmals Akzeptanz als Genre, dessen Themen sich auch an „world geopoliti-
cal events“ anschließen lassen. Vgl. Woods: Neutral Ground, S. 5.
28 Vgl. zu Biographie und dramatischem Werk Wiesingers Christiane Schnalzer-Beiglböck: Karl
Wiesinger (1923–1991) Eine Monographie unter besonderer Berücksichtigung der Theaterar-
beit. Wien: Dipl.-Arb. 1995. Als „Kommunist reinsten Wassers“ bezeichnet ihn beispielsweise
eine Zeitungsnotiz: N.N.: Wie man hört. In: Oberösterreichische Nachrichten, 15.9.1971,
S. 8. Spionage als Unterhaltung 355
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918