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gefangenen Agenten der Gegenseite: „ein gemeingefährliches Subjekt, [...] Er ist
ein ganz ein roher Mensch ohne Nerven und Gefühl.“ (GS 47) Um Grasill für
die Atomspionageeinheit anzuwerben, erklärt McIntosh: „Wir brauchen Männer
wie Sie, grundehrlich und verläßlich. Und mit Leib und Seele beim Beruf. –
Demokraten. Was sind denn Verbrecher anderes als Bazillen der menschlichen
Gesellschaft. Und diesen Kampf sollen Sie führen helfen.“ (FAW 4)
Die amerikanischen Behörden stehen in diesen Texten für Recht und Ord-
nung, sie repräsentieren eindeutig die ‚gute Seite‘. Dass hier eine ironische Les-
art angebracht wäre, was aufgrund der politischen Einstellung des Autors zu
vermuten wäre, ist nirgendwo zu erkennen. Die bipolare Gegenüberstellung von
Freund und Feind, ein prägendes Element des Kalten Kriegs-Diskurses, wird
hier mittels der vereinfachenden Darstellungskonventionen des Trivialromans
und in immer wiederkehrenden Schemata präsentiert, auf die im Folgenden
genauer eingegangen wird. Die dargestellten Konflikte treten prinzipiell in glo-
balem Maßstab auf (a); technische Neuerungen auf dem Kommunikations-,
Waffen- und Energiesektor fungieren als Mittel und Ziel der Spionagetätigkei-
ten (b) und das Wissen über neueste Technologien speziell am Atomsektor wird
von Seiten des Staates zu monopolisieren versucht (c). Diese Diskurselemente
werden allerdings nicht kritisch reflektiert, sondern zur Generierung von Span-
nung verwendet:
Welt und Menschheit
Eva Horn hält in Bezug auf die Diskurse des Kalten Krieges fest: „Es ging nie
um weniger als die ‚ganze Welt‘, die ‚Vernichtung der Menschheit‘.31 Genau die-
se Dimension haben die Konflikte zwischen Gut und Böse in Wiesingers Spio-
nageromanen. So entdeckt im fünften Band Kommissar Grasill eine geheime
Korrespondenz zwischen einem feindlichen Agenten und seinen Auftraggebern.
In einer schriftlichen Nachricht wird dem Agenten finanzielle Vergütung ver-
sprochen und sein Arbeitsauftrag übermittelt: die Sabotage eines kernwaffensi-
cheren Wasserkraftwerks, das soeben mit amerikanischem Geld – ausgerechnet
auf einem reichen Uranerzlager – errichtet wird. Die Auftraggeber erklären, dass
sie enormen Wert darauf legen, „dieses Uranerzlager auszubeuten. Sein Besitz
würde uns zur größten Macht der Welt machen ...“ (GS 24). Der FBI-Agent Gra-
sill macht sich daraufhin folgende Gedanken: „Uranerz! / Das kann mein Ende
bedeuten! / Gut, mein Ende, meinetwegen. Ich habe eben diesen verdammten
Beruf. Aber es kann das Ende aller anständigen und friedlichen Menschen sein,
wenn dieses Uranerzlager [...] in unrechte Hände fällt.“ (GS 25) Es geht also um
31 Horn: Der geheime Krieg, S. 312. Spionage als Unterhaltung 357
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918