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zierte er in der vom prominenten Antikommunisten Weigel herausgegebenen
Anthologie Stimmen der Gegenwart.50 Zu dieser Zeit versuchte er Weigel als
bekannten Förderer der literarischen Jugend auch durch Romanmanuskripte zu
begeistern, darunter ein verschollener „Gangsterroman, der um die Figur eines
Amerikaners herum konstruiert ist“.51 Nachdem Weigel dieses Manuskript dahin-
gehend kritisierte, dass es zu wenig realitätsnah sei, verfasst Wiesinger mit dem
ebenfalls verschollenen und unpublizierten Romanmanuskript Die goldene Sphinx
(1952), in dem es um einen „Österreicher in der Mühle internationaler Geheim-
dienste auf österreichischem Boden 1945/46“52 gehen soll, einen Entwurf, den
Weigel wohlwollend als „Abbild der österreichischen Situation“53 würdigt. Zudem
sei er „politisch in Ordnung“.54 Angesichts dieser literaturpolitischen Manöver
verwundert Franz Kains Urteil nicht, dass Wiesingers Drama Der Poet am Nil
von „Prinzipienlosigkeit oder wenn man so will ‚Wurzellosigkeit‘“55 zeuge.
Während Wiesinger in anderen Kontexten explizite politische Stellungnah-
men abgab, zeichnet sich in den Heftromanen von 1951, die er Weigel gegenüber
nur einmal als „schundromane“56 erwähnt, deutlich der Versuch ab, zeitgenös-
sische politische Diskurselemente wie die Spannung zwischen den Großmäch-
ten, die Macht der Kernspaltung oder die Spionage zwar für die Produktion von
Unterhaltungsliteratur einzusetzen, jedoch konkrete Stellungnahmen in Bezug
auf die politische Situation zu vermeiden.
Dass das Genre des Agententhrillers durchaus auch komplexere Texte her-
vorbringen kann, beweisen nicht nur die international erfolgreichen Autoren
wie Graham Greene oder John le Carré, sondern auch Texte von Milo Dor und
50 Karl Wiesinger: Mein Gott, wir mögen sie nicht! In: Hans Weigel (Hg.): Stimmen der Gegen-
wart. Wien: Jungbrunnen, Verl. f. Jugend und Volk 1952, S. 173–177.
51 Schnalzer-Beiglböck: Karl Wiesinger, S. 42. Möglicherweise ist ein Manuskript mit dem Titel
„Wirbel Sturm und Klarheit“ gemeint. Vgl. Karl Wiesinger an Hans Weigel, Brief vom 28.3.1953.
Schon hier scheint das Symbol der goldenen Sphinx aufzutauchen, über das Wiesinger schreibt:
„die goldene sphinx ist das abzeichen des c.i.c“. (ebd.), Schnalzer-Beiglböck berichtet zudem
von einem unveröffentlichten Drama Wiesingers Die Brücke (1952), das die Erpressung einer
Person zu Spitzeldiensten durch einen „Agent einer polnischen geheimen Exilorganisation“
anprangert. Dabei scheint eine kommunistische Untergruppe ausgegliedert und für stalinisti-
sche Verbrechen verantwortlich gemacht zu werden. Vgl. Schnalzer-Beiglböck: Karl Wiesinger,
S. 67.
52 Karl Wiesinger: Österreichs Geschichte im Roman. In: Mappe 1 aus dem privat verwalteten
Nachlass Wiesingers. [Zit. nach Schnalzer-Beiglböck: Karl Wiesinger, S. 46.]
53 Hans Weigel: Notiz über Karl Wiesinger. Mappe 2 aus dem privat verwalteten Nachlass Wie-
singers. [Zit. nach Schnalzer-Beiglböck: Karl Wiesinger, S. 43.]
54 Ebd.
55 F[ranz]. K[ain].: Die Wurzellosigkeit auf der Bühne. In: Neue Zeit und Salzburger Tag-
blatt [Linz], 22.11.1951, S. 3.
56 Wiesinger an Hans Weigel, Brief vom 28.3.1953.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918