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Spionagetätigkeiten in Gang, war aber von solchem Misstrauen erfüllt, dass sie
auch den durch eigene Geheimdienste gewonnenen Informationen nicht ver-
traute: „Selbst die spektakulären Erfolge der Spionage auf dem Gebiet der Atom-
forschung zerstreuten Berijas Zweifel nicht. Er hegte den Verdacht, daß der Wes-
ten falsche Informationen über die Atombombe verbreitete.“62 Christopher
Andrew und Wassili Mitrochin beschreiben einen „sowjetische[n] Hang zur
Verschwörungstheorie“ und Paranoia:
Unter Lenin noch stärker als unter Stalin wurden die Prioritäten des sowjetischen
Nachrichtendienstes von einem gewaltig übertriebenen Glauben an die Existenz
einer unermüdlichen Verschwörung westlicher Regierungen und ihrer Geheim-
dienste bestimmt. Um die sowjetischen Nachrichtendienstoperationen der Zwi-
schenkriegszeit zu verstehen, muß man sich in eine Welt voller Rauch und Spiegel
begeben, wobei das Ziel sich gleichermaßen aus Illusionen der Bolschewiken wie
aus realen konterrevolutionären Komplotten ergibt. [...] Darüber hinaus folgte aus
der bolschewistischen Ideologie, daß kapitalistische Staaten nicht anders konn-
ten, als Komplotte zu schmieden, um den ersten und einzigen Arbeiter-und-Bau-
ern-Staat zu vernichten. Waren keine Vorbereitungen für eine bewaffnete Inter-
vention zu entdecken, bedeutete dies nur, daß die kapitalistischen Geheimdienste
insgeheim daran arbeiteten, Sowjetrußland von innen heraus zu untergraben.63
Die paranoide Suche nach Spionen, Agenten, Saboteuren und unerkennbaren,
‚inneren‘ Feinden kennzeichnet den totalitären Staatenkomplex also von Beginn
an. In wesentlich geringerem Umfang, aber mit einer ähnlichen Struktur findet
sich ihr Pendant später in der US-amerikanischen Spionage-Hysterie unter Sena-
tor Joseph McCarthy. Dieser „Staatsparanoia der fünfziger Jahre“64 liegt laut
Horn die Problematik des unkontrollierbaren Wissenstransfers zugrunde. Kriegs-
wichtiges Wissen, das vor dem Zugriff durch die Gegenseite geschützt werden
soll, erweist sich als fluid und entzieht sich der gewünschten Eindämmung, dem
„containment“. Als Subjekt dieser Wissensdissemination erzeugt der Spion jene
„Staatsparanoia“, die in den USA im Todesurteil für das Ehepaar Rosenberg ihre
deutlichste Ausprägung findet.65
sen, S.
36. Bailey, Kondraschow, Murphy sprechen von „stereotypen Spionagevorwürfe[n] wäh-
rend der großen Säuberungen der dreißiger Jahre“. George Bailey, Sergej A. Kondraschow,
David E. Murphy: Die unsichtbare Front. Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin.
Berlin: Ullstein Propyläen 1997, S. 182.
62 Subok, Pleschakow: Der Kreml im Kalten Krieg, S. 211.
63 Andrew, Mitrochin: Das Schwarzbuch des KGB, S. 48 f.
64 Horn: Der geheime Krieg, S. 392.
65 Vgl. Horn: Der geheime Krieg, S. 394 f. Wie erwartbar kreidet das Tagebuch das Todesurteil
für Julius und Ethel Rosenberg als rechtswidrig und unmenschlich an: „Gegen Ethel und Juli-
us Rosenberg wurde das erste von einem Zivilgericht wegen Spionage ausgesprochene Todes-
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918