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Besatzungsmacht und waren von westlicher Seite sehr begehrt.69 Das von Wan-
toch hervorgehobene Moment der Erpressung zu Spionage und Spitzeltätigkeit
durch Laien war im Österreich der frühen Nachkriegszeit ein verbreitetes Phä-
nomen, das durch die ausgeprägte Armut in der Bevölkerung befördert wurde.
Die Besatzungsmächte vermochten gute Bezahlung anzubieten, durch die sich
die ‚Spione‘ lebensnotwendige Güter verschaffen konnten. So schreibt ein von
der sowjetischen Besatzungsmacht festgenommener ‚Spion‘ in seinem Gnaden-
gesuch:
Ich begann deshalb Spionage zu betreiben, weil mich das Geld verführte. [...] In
der Firma bekam ich 650 Schilling, und die Arbeit war sehr hart, für die Spionage
jedoch bekam ich zwischen 2500 und 3000 Schilling und machte körperlich prak-
tisch nichts.70
Hinzu kommt, dass, wie die Geschichtswissenschaft mittlerweile festgestellt hat,
anscheinend „[d]ie westlichen Geheimdienste [...] bei der Anwerbung von ‚Spi-
onen‘ keineswegs ‚zimperlich‘ [waren]. In zahlreichen Gnadengesuchen finden
sich Hinweise auf Druck und Erpressung.“71 Die erpressten Westspione in Wan-
tochs Roman hatten also ihre realen Vorbilder; die analogen Fälle von Ostspio-
nen bleiben im Roman allerdings unsichtbar.
Der Spion, der aus dem Osten kam – Opfer und Dämon
Die Handlung von Richard Billingers Drama Donauballade (UA: 30. September
1959, Volkstheater Wien) ist an der Donau als der Grenze zwischen Österreich
und Ungarn angesiedelt72 und trotz der vom politischen Tagesgeschehen abge-
wandten, emotionalisierenden Stilisierung tritt in diesem Drama die Figur eines
Spions auf. Am diesseitigen Ufer ist der Westen, die andere Seite, das kommu-
nistische Regime im nahen Ungarn wird als dämonisches Reich dargestellt, aus
dem Gefahr droht und mit dem dunkle Mordtaten verbunden sind. So werden
Zusammenhänge dieser Sphäre mit dem Tod des jungen Andreas angedeutet,
dem Sohn der Gastwirtsleute Franz und Ilse Pfadenhauer, deren Wirtshaus an
der ungarischen Grenze gelegen ist. Ebenso werden die Tode der früheren Besit-
zerin des Gasthofes, eines Fährmannes, des Bahnwährtersohns und von vielen
69 Vgl. Stelzl-Marx: Verschleppt und erschossen, S. 36. Walter M. Iber: ‚Wirtschaftsspionage‘ für
den Westen. In: Karner, Stelzl-Marx (Hg.): Stalins letzte Opfer, S. 169–188.
70 Zit. nach Stelzl-Marx: Verschleppt und erschossen, S. 66.
71 Stelzl-Marx: Verschleppt und erschossen, S. 40.
72 Eine solche Grenzsituation existiert geographisch allerdings nicht.
Feindbild ‚Spion‘ – Ängste und Aggressionen im Spionagediskurs 371
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918