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einem uneinsehbaren Außen ins Innere eindringt und zugleich ist sie auch Aus-
druck der „Hölle“ des totalitären Staates, der uneingeschränkten Zugriff auf sei-
ne Bürger ausübt, selbst oder gerade wenn sie ins Ausland geflohen sind.
In einem Drama des heute unbekannten Schriftstellers Hermann Weiner mit
dem Titel Zwischen den Fronten74, das Anfang des Jahres 1958 in der Wiener
Tribüne uraufgeführt wurde, wird die Figur des Agenten ebenso wie in Donau-
ballade als Repräsentant einer feindlichen Macht dargestellt, der jedoch – anders
als in Billingers Drama – nicht zugleich Opfer des totalitären Staatsterrors ist.
Dieser Agent, der aus Rumänien stammende Dimitri Borku, wird als eigenver-
antwortliche und böswillige Figur dargestellt, die zwar die Interessen des an
Macht und militärischem Wissen interessierten Ostblocks vertritt, aber auch
eigene Interessen damit verbindet, da er in seinem Herkunftsland in der sozia-
len Hierarchie aufsteigen möchte (vgl. ZF 86). Borku taucht im Laufe der Dra-
menhandlung in London bei seinem emigrierten Landsmann, dem Bakteriolo-
gen Alexander Konstantin auf, um dessen Wissen über einen für den
Kriegseinsatz tauglichen Bakterienstamm für die militärische Anwendung durch
den Osten einsatzfähig zu machen. Der Wissenschaftler Konstantin wird als
Träger eines begehrten Wissens zum Objekt, das durch Spionage den militäri-
schen Stellen einer Großmacht zugänglich gemacht werden soll.75
Der Bakteriologe ist erpressbar, da er bereits 1945 einmal eine bakteriologi-
sche Waffe unter Zwang an Borku weitergegeben hatte. Er opferte damals sein
Leben nicht, da er zu diesem Zeitpunkt der Meinung war, der nationalsozialis-
tische deutsche Staat, dem das Material zugespielt werden sollte, würde in abseh-
barer Zeit zusammenbrechen und die Waffe nicht mehr einsetzen können. Die
Kriegswaffe ist aber auch nach 1945 noch von hoher Bedeutung – nämlich im
Kontext des Kalten Krieges. Borku startet ein Denuniziations- und Erpressungs-
manöver gegen Konstantin, das gerade und nur in diesem Kontext möglich ist.
Im Rahmen eines internationalen Kongresses kommt er nach London und gibt
Informationen über Konstantins waffentechnisch interessantes Wissen und das
Gerücht von dessen Zusammenarbeit mit dem Osten an die westliche Regierung
weiter. Konstantin wird daraufhin von der Regierung seines Gastlandes zur
Zusammenarbeit gedrängt und fürchtet, bei Kooperationsverweigerung in den
Osten abgeschoben zu werden. Er sieht schließlich keinen anderen Ausweg, als
sich und den Agenten Borku zu töten.
74 Vgl. Hermann Weiner: Zwischen den Fronten. 3 Akte. [UA: Anfang 1958, Tribüne Wien].
Typoskript: Wien, München: Sessler [Im Folgenden abgek. ZF].
75 Zur Äquivalenz von Wissenschaftler und Wissen im Spionagekampf der Kalten-Kriegs-Mäch-
te vgl. Horn: Der geheime Krieg, S.
386
f. Ein Wissenschaftler als begehrtes Objekt einer Agen-
tentätigkeit tritt auch in Gefährliche Grenze (1956) auf, wo ein Professor durch die ungarischen
Menschenhändler in den sowjetischen Machtbereich verschleppt werden soll.
Feindbild ‚Spion‘ – Ängste und Aggressionen im Spionagediskurs 373
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918