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Gegenmaßnahmen. In Bechers fiktiver Diktatur Quion wird die Bevölkerung
zur Denunziation angehalten, werden Unschuldige verhaftet und ohne stichhal-
tige Beweise verurteilt und hingerichtet (vgl. KG 345
f.). Als charakteristisch für
eine moderne Diktatur zeichnet Becher nicht nur die willkürliche und massen-
weise Verfolgung und Hinrichtung von ‚Spionen‘, sondern vor allem die Para-
noia des Diktators, der den Anführer seiner Leibgarde zu einer irrationalen Aus-
weitung der Maßnahmen zu seinem persönlichen Schutz auffordert.
Bilden Sie sich ein, daß ich populär bin bei den indischen, russischen, amerikani-
schen, deutschen, chinesischen, britischen Geheimagenten und Zinnoberspionen
oder beim quionischen Untergrund? [...] Mit dem [Sechsten Sinn] s-p-ü-r-e ich,
daß hier an Ort und Stelle in meiner Residenz Quion City und unter den Augen
der Anonymen Zivilgarde eine un-ter-ir-di-sche Be-we-gung ge-gen mich w-ü-
h-l-t. (KG 301)
Becher interpretiert diesen ‚inneren Feind‘ des Diktators als dessen Gewissen,
vor dem er sein geheimes Wissen nicht verstecken kann. Deshalb, so die Pointe,
wird die Angst des Diktators vor Entdeckung nie zur Ruhe kommen.
Bechers Posse führt die Spionagethematik auf eine im Kalten Krieg zentrale
Praktik zurück: die Geheimhaltungsversuche strategischer Wissensbestände zum
Zweck des Machterhalts und des Machtgewinns. Schon im Zweiten Weltkrieg
wurden militärische Ressourcen und Strategien zu begehrten Informationen
über den Feind. Darum gehörte es in den ersten Nachkriegsjahren zu den pri-
mären Aufgaben der westlichen Besatzungsmächte, „Informationen über die
deutsche Rüstungstechnologie“76 zu sammeln. Die Kleinen und die Großen zeigt
die strukturelle Kontinuität zwischen unterschiedlichen Regimen, die unter dem
Stichwort ‚Spionage‘ eine Kategorie feindlicher Aktivität identifizieren, die Effekt
einer paranoiden Staatsführung ist und staatlichen Terror auslöst und scheinbar
legitimiert.
Der unsichtbare Spion
Die Figur des Spions lässt sich als personifiziertes Geheimnis bezeichnen und
deshalb zugleich als personifiziertes Unheimliches. Sie wirkt unauffällig, ist aber
tatsächlich ein gefährlicher Gegner des jeweiligen Systems. Zugleich bedingt ihr
unauffälliges Äußeres, dass der Spion auch als bloßes Phantasma oder Projekti-
on auftreten kann. In den angloamerikanischen Cold War Studies wird dieses
Phänomen häufig thematisiert; besondere Bedeutung kommt dabei der Unsicht-
76 Bacher, Knoll: Nachrichtendienste und Spionage, S. 158.
Feindbild ‚Spion‘ – Ängste und Aggressionen im Spionagediskurs 375
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918