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land. Dort war sie geschult, geschmiedet und mit ‚Hammer und Sichel‘ versehen
worden. Es war eine starke, verläßliche Seele, unerschütterlich in ihrem Glauben
an den Sieg der Sowjets über alle Völker der Welt. Diese Seele liebte den Bürger
David Jonson nicht. Sie fühlte sich in dessen Körper nicht wohl. Man hatte sie
in spartanischer Strenge erzogen und geschult. Sie war vollgepfropft mit Wissen
über die russische Revolution von 1917 und deren Auswirkungen. Sie wußte, was
Lenin gesagt und gelehrt hatte. Sie vermochte mühelos zu erklären, warum man
Stalin bei Lebzeiten für unfehlbar gehalten hatte und weshalb man ihn nach sei-
nem Tode verurteilte. Die Seele des Grigori Lichatschow hätte in einem Rededuell
sogar den Erzengel Michael überzeugt, daß der wahre Himmel in der Sowjetunion
zu finden sei.
Der Bürger Jonson dagegen mußte ein Vollblutamerikaner sein. Ihn beschwerte
kein Wissen um die Ziele der Sowjets. Er lebte und benahm sich wie jeder Bür-
ger der USA, sagte freimütig seine Meinung, klopfte jedem Gesprächspartner den
Rücken, lachte gern und viel, gab sich mitunter ein wenig kindlich, war Mitglied
einiger Vereine und an zwei Abenden in der Woche regelmäßig im Kegelklub, wo
ihn jedermann mit ‚Hallo, David!‘ begrüßte. (ZR 12 f.)
Die in dieser Passage erwähnte aufwendige Ausbildung von Spionen entspricht der
Praxis im Kalten Krieg: „In minutiöser Kleinarbeit wurden die Agenten geschult,
falsche Dokumente für sie angefertigt und Legenden über ihr Leben zusammen-
gestellt, ehe sie ins Ausland durften.“81 Diese gut ausgebildeten Personen waren im
Idealfall als Sowjetagenten unsichtbar, und waren gerade durch ihre Erscheinung
als ‚nice guys‘ dazu angetan, die gesellschaftliche Paranoia zu nähren.
Bruckners Roman thematisiert die Angst vor dem Verrat von Staatsgeheim-
nissen auch auf sowjetischer Seite, jedoch bezieht sie sich hier weniger auf unsicht-
bare Feinde als auf den Staatsterror, der vermeintlichen Verrat durch drakoni-
sche Strafen ahndet. So vertraut der Chauffeur der Roboterkonstrukteure Pjotr
seiner eigenen Frau nicht mehr und hütet sich, ihr von den Plänen seiner Brot-
geber zu erzählen: „Nichts mehr sage ich! Viel zuviel hab’ ich dir schon erzählt!
Willst mich auch nur aushorchen.“ (ZR 60) Er hat große Angst, sein Wissen aus
Unbedachtheit an die falschen Personen auszuplaudern:
Der Chauffeur Pjotr Sacharytsch wälzte sich, von einem Traum gequält, auf sei-
nem Bett. Sein Chef Pawel Schachajew stand vor ihm, riesengroß, und schau-
te drohend auf ihn, den winzigen Zwerg Pjotr, herab. Der Riese fragte: „Pjotr,
warum hast du dem amerikanischen Chauffeur von unserem Roboter ‚Natascha‘
erzählt? Warum?“ Pjotr stürzte auf die Knie, rang, um Verzeihung bittend, die
Hände: „Genosse Direktor! Fressen Sie mich nicht auf! [...]“ (ZR 58 f.)
81 Tozzer, Tozzer: Das Netz der Schattenmänner, S. 72 f.
Feindbild ‚Spion‘ – Ängste und Aggressionen im Spionagediskurs 377
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918