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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Seite - 377 -
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land. Dort war sie geschult, geschmiedet und mit ‚Hammer und Sichel‘ versehen worden. Es war eine starke, verläßliche Seele, unerschütterlich in ihrem Glauben an den Sieg der Sowjets über alle Völker der Welt. Diese Seele liebte den Bürger David Jonson nicht. Sie fühlte sich in dessen Körper nicht wohl. Man hatte sie in spartanischer Strenge erzogen und geschult. Sie war vollgepfropft mit Wissen über die russische Revolution von 1917 und deren Auswirkungen. Sie wußte, was Lenin gesagt und gelehrt hatte. Sie vermochte mühelos zu erklären, warum man Stalin bei Lebzeiten für unfehlbar gehalten hatte und weshalb man ihn nach sei- nem Tode verurteilte. Die Seele des Grigori Lichatschow hätte in einem Rededuell sogar den Erzengel Michael überzeugt, daß der wahre Himmel in der Sowjetunion zu finden sei. Der Bürger Jonson dagegen mußte ein Vollblutamerikaner sein. Ihn beschwerte kein Wissen um die Ziele der Sowjets. Er lebte und benahm sich wie jeder Bür- ger der USA, sagte freimütig seine Meinung, klopfte jedem Gesprächspartner den Rücken, lachte gern und viel, gab sich mitunter ein wenig kindlich, war Mitglied einiger Vereine und an zwei Abenden in der Woche regelmäßig im Kegelklub, wo ihn jedermann mit ‚Hallo, David!‘ begrüßte. (ZR 12  f.) Die in dieser Passage erwähnte aufwendige Ausbildung von Spionen entspricht der Praxis im Kalten Krieg: „In minutiöser Kleinarbeit wurden die Agenten geschult, falsche Dokumente für sie angefertigt und Legenden über ihr Leben zusammen- gestellt, ehe sie ins Ausland durften.“81 Diese gut ausgebildeten Personen waren im Idealfall als Sowjetagenten unsichtbar, und waren gerade durch ihre Erscheinung als ‚nice guys‘ dazu angetan, die gesellschaftliche Paranoia zu nähren. Bruckners Roman thematisiert die Angst vor dem Verrat von Staatsgeheim- nissen auch auf sowjetischer Seite, jedoch bezieht sie sich hier weniger auf unsicht- bare Feinde als auf den Staatsterror, der vermeintlichen Verrat durch drakoni- sche Strafen ahndet. So vertraut der Chauffeur der Roboterkonstrukteure Pjotr seiner eigenen Frau nicht mehr und hütet sich, ihr von den Plänen seiner Brot- geber zu erzählen: „Nichts mehr sage ich! Viel zuviel hab’ ich dir schon erzählt! Willst mich auch nur aushorchen.“ (ZR 60) Er hat große Angst, sein Wissen aus Unbedachtheit an die falschen Personen auszuplaudern: Der Chauffeur Pjotr Sacharytsch wälzte sich, von einem Traum gequält, auf sei- nem Bett. Sein Chef Pawel Schachajew stand vor ihm, riesengroß, und schau- te drohend auf ihn, den winzigen Zwerg Pjotr, herab. Der Riese fragte: „Pjotr, warum hast du dem amerikanischen Chauffeur von unserem Roboter ‚Natascha‘ erzählt? Warum?“ Pjotr stürzte auf die Knie, rang, um Verzeihung bittend, die Hände: „Genosse Direktor! Fressen Sie mich nicht auf! [...]“ (ZR 58  f.) 81 Tozzer, Tozzer: Das Netz der Schattenmänner, S. 72  f. Feindbild ‚Spion‘ – Ängste und Aggressionen im Spionagediskurs 377
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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