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kehrt“.96 Der Ganove Georgi Maniu aus Dor/Federmanns Roman Internatio-
nale Zone erklärt das mit den gleichen Worten:
Wien ist ein offenes Tor. Das letzte offene Tor zwischen Ost und West. Weißt
du, warum es hier so ruhig ist? Weil sie hier verdienen. Zigaretten ... das ist nur
ein winziger Bruchteil. Öl, Eisen, Stahl, Textilien. Alles, was dein Herz begehrt.
Schnaps, Medikamente. Devisen machen sie hier für ihre Panzer und für ihre Ka-
nonen. (IZ 92)
In Und einer folgt dem anderen heißt es dazu: „Sie wissen, welche Rolle neutrale
Länder in weltumfassenden Kriegen spielen – [...] Es sind die idealen Terrains für
die Arbeit der Nachrichtendienste, die Tummelplätze der Agenten.“ (EFA 173)
Durch seinen Status als geteiltes bzw. später neutrales Gebiet und den florieren-
den Schwarzmarkt wurde Österreich in der Nachkriegszeit zum Umschlagplatz
für Informationen und Güter aller Art. Auch Maniu schaltet sich in dieses „Spiel“
(IZ 89, 92) ein, denn er sagt sich: „Warum sollen alle verdienen, nur ich nicht?“
(IZ 93) Wie der Großteil der Figuren in den Thrillern Dor/Federmanns versucht
er in einer Zone, die von gegenseitiger Übervorteilung, Gewaltanwendung und
intensivierten Machtkämpfen geprägt ist, durch den Einsatz entsprechender Mit-
tel selbst zu Macht und Vermögen zu kommen. Zu diesem Zweck nimmt Maniu
auch in Kauf, Personen an die sowjetische Besatzungsmacht auszuliefern. Dor und
Federmann kritisieren durch ihre Thriller jenes „Faustrecht fremder Besetzung“,97
das auch die Arbeiter-Zeitung anprangert. Ihre Agententhriller erschöpfen sich
aber nicht in einer spannenden Handlung, sondern sie betonen einen Aspekt, der
besonders im Hard-boiled-Thriller, ihrem erkennbaren ästhetischen Vorbild, stär-
ker hervortritt, die „Verfilzung [des Verbrechens] mit Politik und Geschäft“,98 und
so fügen sie ihren Texten eine zeit- und gesellschaftskritische Dimension ein.
Die Wahl dieses massentauglichen und finanziell verwertbaren Genres ist aller-
dings nicht zufällig. Die beiden Autoren fanden mit ihren ambitionierteren lite-
rarischen Projekten im Nachkriegsösterreich nur mühsam Verlagsmöglichkeiten99
96 Ebd.
97 N.N.: Exterritoriale Unterwelt, S. 1.
98 Peter Nusser: Der Kriminalroman. 4., aktual. u. erw. Aufl. Stuttgart, Weimar: Metzler 2009,
S. 126.
99 Vgl. Stocker: Jenseits des „Dritten Mannes“, S. 108. Federmanns Roman Chronik einer Nacht,
der von den Schicksalen eines getrennten österreichischen Paares in den Jahren 1938 bis 1948
erzählt, erschien ab 2. Dezember 1950 in der Arbeiter-Zeitung und erst posthum 1988 in
Buchform. Dors autobiographisch grundierter Roman über die faschistische Unterdrückung
der Bevölkerung in Jugoslawien Tote auf Urlaub erschien zwar 1952 in der Deutschen Verlag-
sanstalt, wurde aber zuvor mehrmals abgelehnt.
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382 9 Spionage
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918