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Johannes Mario Simmel Charakteristika der Unterhaltungsliteratur mit einem
zeitkritischen Anspruch, den Simmel auch explizit stellt:
Meine Romane beschäftigen sich allesamt mit einem aktuellen Problem, z.B.: [...]
dem zweigeteilten Deutschland, [...], der tödlichen Gefahr neuer Waffen in einem
neuen Krieg, dem mörderischen Kindergarten der internationalen Geheimdiens-
te [...].107
Den „mörderischen Kindergarten internationaler Geheimdienste” nimmt Sim-
mel nicht nur in seinem ersten Erfolgsroman Es muß nicht immer Kaviar sein
(1959) in den Blick,108 sondern auch in dem späteren umfangreichen Roman
Lieb Vaterland magst ruhig sein. Die Kritik an der Spionagepraxis der beiden
Großmächte des Kalten Krieges wird bei Simmel – wie bei Dor/Federmann –
nicht auf einzelne Personen, sondern auf ein ganzes System bezogen.
Die Handlung von Lieb Vaterland magst ruhig sein rankt sich um den Bau
eines Fluchttunnels im geteilten Berlin des Jahres 1964, dessen Initiatoren und
Eingeweihte sich auf beiden Seiten der Grenze befinden. David L. Pike hat den
Roman als „tunnel novel“109 bezeichnet und sieht die Subvertierung und Unter-
minierung von binären Oppositionen nicht nur auf der Ebene der erzählten
über die Zeit, in der ich lebe ...‘ Johannes Mario Simmel und seine Romane. Eine Dokumen-
tation. München, Zürich: Droemer Knaur 1978, S. 7–26, hier S. 24. Johannes Mario Simmel:
Der Mann, der die Mandelbäumchen malte. München: Droemer Knaur 1998, [Umschlagseite].
107 Johannes Mario Simmel: Ich über mich. In: Langenbucher (Hg.): ‚Berichte über die Zeit, in der
ich lebe
...‘, S.
27–29. Simmel schreibt, dass seine Texte durch verschlüsselte Informationen von
Agenten zu Stande kämen und auf einer ausführlich recherchierten Faktenbasis ständen: „Wäh-
rend meiner Dolmetscherzeit [1945 bis ca. 1948 bei der amerikanischen Militärpolizei in Öster-
reich, Anm. d. Verf.] lernte ich viele CIC-Agenten kennen, in meinem Reporterberuf [ab 8.
Juni
1947, Anm. d. Verf.] Ärzte, Anwälte und interessante Menschen (auch viele Ganoven) auf der
ganzen Welt. [...] Meine Romane sind mindestens zu 80 % wahr, der Rest ist Verschlüsselung.
Und das kommt so: Die bereits erwähnten CIC-Agenten, Ost-Agenten, Ärzte, Anwälte etc., die
ich in meiner Reporterzeit kennenlernte, rufen mich an, telegrafieren oder schreiben, wenn
sie eine ‚story‘ für mich zu haben glauben. Ich fliege dann zu ihnen. Taugt die ‚story‘, dann
beginnt eine komplizierte Prozedur. [...] Ich muß eidesstattliche Versicherungen abgeben, die
reine Wahrheit zu verschweigen, damit Unschuldige nicht zu Schaden kommen und damit es
keine Prozesse gibt. Ich muß ein 150-Seiten-Exposé meiner schon verschlüsselten Handlungs-
führung nach Tonbändern, Manuskripten etc. verfassen. Dieses wird dann von Anwälten (auch
meinen) geprüft. Ist die Verschlüsselung endlich perfekt, werden die Originalunterlagen ver-
nichtet oder in Banksafes verschlossen.“
108 Simmel bezieht die Formulierung vom „mörderischen Kindergarten internationaler Geheim-
dienste“ an einer Stelle auf Es muß nicht immer Kaviar sein. Vgl. German Werth: Erfolg beim
Publikum [Interview für den Deutschlandfunk, 2.6.1974]. In: Langenbucher (Hg.): ‚Berichte
über die Zeit, in der ich lebe ... S. 54–64, hier 58.
109 Pike: Wall and Tunnel, S. 80.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918