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Welt, sondern auch auf der Erzählebene. Tatsächlich betont der Roman Simmels
mehr die Gemeinsamkeiten der beiden Seiten der Berliner Mauer als deren
Unterschiede. So erklärt ein Psychologe:
Sie, die Herren vom SSD [= Staatssicherheitsdienst], vom CIC [= Counter Intelli-
gence Corps] ... überhaupt alle Menschen, die für Geheimdienste tätig sind, alle,
alle gehören, meiner Erfahrung nach, der gleichen Kategorie an. (LV 452)
Es ist aber weniger ein bestimmter Persönlichkeitszug, der die Spioninnen und
Spione in Simmels Roman auszeichnet, als vielmehr das Zwangssystem, in das
sie eingebunden sind: Schritt für Schritt bieten sich Einblicke in ein dichtes Netz
von machtbestimmten geheimen und offenen Verbindungen zwischen Personen
mit wechselnden Identitäten, das enormen Druck auf die Einzelnen ausübt, um
sie zu Instrumenten des Spionagekrieges im geteilten Berlin zu machen. Diese
Praxis macht an der Zonengrenze keineswegs Halt, sondern wird vielmehr gera-
de durch diese hervorgerufen.
Der Bankräuber und Kleinkriminelle Bruno Knolle wird im August 1964 vor-
zeitig aus einem Ostberliner Gefängnis entlassen, da ihn der SSD für einen Spe-
zialauftrag einsetzen möchte: Er soll eine Person aus Westberlin entführen, deren
Identität und Funktion zunächst ungenannt bleiben. Als Knolle sich weigert,
den Auftrag auszuführen, wird ihm mit lebenslanger Haft gedroht und im Fall
der Kooperation ein Leben als freier Mann und der Besitz einer eigenen Gast-
wirtschaft, von der er schon lange träumt, in Aussicht gestellt. Die Geheimdiens-
te haben im Roman die Macht, die Gesetze umzubiegen und stehen damit über
den gewöhnlichen Staatsgewalten. Dies wird deutlich, als der Bankräuber Knol-
le, nachdem er notgedrungen den Auftrag übernehmend über einen Fluchttun-
nel nach Westberlin geschleust wurde, bei dem westdeutschen Kriminalrat Bernd
Prangel um Schutz vor dem ostdeutschen Geheimdienst ansucht. Die früheren
Fronten zwischen Gesetz (Prangel) und Verbrechen (Knolle) sind durch neue
Fronten ersetzt. Prangel, der in Abhängigkeit vom CIC geraten ist, kann seinem
ehemaligen Gegner, dem Bankräuber Knolle, zur Freiheit verhelfen, während er
seinen ehemaligen Kollegen, Partner und Freund von der Kripo, Wilhelm Brä-
sig, hinter Gitter bringen muss, da dieser vom SSD zur Mitarbeit gezwungen
und vom CIC verfolgt wird. Bräsig arbeitet nur äußerst widerwillig für den SSD
und vergleicht ihn mit der Gestapo: „Die haben mich nicht zur Gestapo gekriegt,
die nicht! War jünger damals, kannte mehr Tricks und Ausreden, [...]. Damit ist
es jetzt vorbei. Jetzt befiehlt der SSD.“ (LV 93)
Auch Prangel ist nicht freiwillig CIC-Agent. Zunächst wurde er von sowjeti-
scher Seite erpresst und zu Spionagetätigkeiten gezwungen, da sein Schwager
als NS-Kriegsverbrecher inhaftiert worden war und die Sowjetunion mit dessen
Hinrichtung drohte. Als Prangel später vom amerikanischen Geheimdienst ent-
Politische Unterhaltungsliteratur? 385
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918