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tarnt wurde, musste er sich ebenso gezwungenermaßen für die andere Seite
engagieren. Kaum eine der Figuren ist aus Überzeugung für einen der Geheim-
dienste tätig und viele arbeiten als Doppelagenten. Besonders undurchsichtig
ist die Identität der Figur Peter Wieland. Wieland, ursprünglich Agent aus dem
Osten, wurde enttarnt und als Undercoveragent des Westens in Ostberlin stati-
oniert, wo er die Rolle eines angesehenen SED-Funktionärs spielt. Jede der bei-
den Seiten nimmt an, er arbeite für sie, jedoch ist die Trennlinie zwischen Tar-
nung und tatsächlicher Identität nicht immer klar zu ziehen.
Die paradoxe Situation einer Tarnung der Tarnung bewegte auch in einem
konkreten historischen Fall den sowjetischen Geheimdienst dazu, die CIA fast
ein Jahr lang dabei gewähren zu lassen, über einen Tunnel die Telefonleitungen
in Ostberlin anzuzapfen.110 Durch einen Agenten des britischen Secret Intelligen-
ce Service (SIS), George Blake, erfuhren die sowjetischen Behörden schon Anfang
1954 von dem Vorhaben, einen Tunnel für eine Abhöraktion zu errichten, der
erst im Februar 1955 fertiggestellt wurde. Die Sowjets reagierten jedoch lange
nicht auf das Tunnelbauprojekt, um ihre Quelle Blake nicht zu verraten.111 Eher
halfen sie ihren Gegnern als ihre geheimen Verbindungsmänner preiszugeben.
In Lieb Vaterland magst ruhig sein werden ebenfalls immer wieder Opfer auf
der eigenen Seite gebracht, um die Tarnung bewahren zu können. Das gilt abge-
sehen von Peter Wieland, der Bräsig dem CIC ausliefert, besonders für Olaf
Martini, der 1947 als Ostagent in den Westen geschleust wird und sich dort das
Vertrauen der Regierung in Bonn erwirbt, indem er einen westdeutschen Geheim-
dienst aufbaut. Nach 1961 äußert er in Bonn den Vorschlag, Dissidenten mit
Insiderwissen über illegale Kommunisten in Westdeutschland aus der DDR in
die BRD zu schmuggeln, der großen Anklang findet. Während die Bonner Regie-
rung glaubt, verlässliche Helfer im antikommunistischen Kampf nach Westber-
lin zu holen, werden tatsächlich weitere Ostagenten eingeschleust, noch dazu
ehemalige Mitarbeiter des Geheimdienstes der NSDAP, die durch DDR-Funk-
tionäre zum Spionage- und Sabotagekrieg gegen den Westen gezwungen wer-
den. Martinis Aktion wird der bundesdeutschen Regierung gegenüber gerecht-
fertigt, indem westdeutsche Kommunismussympathisanten der Regierung
angezeigt und ausgeliefert werden. So wird der gegnerischen Seite zum Zweck
der Tarnung in die Hände gearbeitet, was die tatsächliche Identität und Funkti-
on der einzelnen Figuren und Organisationen verwischt.
Ebenso wie die Arbeiter-Zeitung den Spionagekrieg in Österreich als frem-
des, von den Besatzern ins Land hereingetragenes Problem kritisiert, prangert
110 Ein ähnliches Projekt mit dem Decknamen ‚Silber‘ wurde schon 1948 in Wien begonnen. Das
Abhörtunnelprojekt ‚Gold‘ in Berlin wurde ab 1953 verfolgt. Vgl. Pike: Wall and Tunnel, S.
77
f.
Möchel: Der geheime Krieg der Agenten, S. 13.
111 Vgl. dazu ausführlich Bailey, Kondraschow, Murphy: Die unsichtbare Front, S. 233–270.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918