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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Seite - 387 -
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Simmels Roman den Spionagekrieg als eine neue Ordnung an, die den Menschen durch fremde Interessen und ein perfides System wechselseitiger Erpressungen oktroyiert wird. Dies erzeugt eine Kultur der Lüge und des Misstrauens. Bruno fragt sich: „Wer kann heute noch wem trauen?“ (LV 179) Die Verheimlichung von Zusammenhängen, die Wahrung von Geheimnissen und die Vorspiegelung falscher Tatsachen sind allgegenwärtig: „Landon lächelt heiter, während er denkt: Hier sagt keiner die Wahrheit, keiner von allen, mit denen ich spreche. Keiner die ganze. Jeder nur einen Teil der Wahrheit, eine Halbwahrheit, eine Viertel- wahrheit.“ (LV 451) Simmels Roman unterläuft die Vorstellung fester Grenzen zwischen der ‚rich- tigen‘ und der ‚falschen‘ Seite und auch der Vorstellung, die Menschen könnten sich intentional und frei für eine der Seiten entscheiden. Der Financier der Tun- nelbauaktion wird in dem Glauben gelassen, er könne durch die Tunnelbauten „ein Verbrechen [...] verhindern“ (LV 333), indem er einerseits einzelne verfolg- te Personen rette, andererseits den Widerstand gegen das DDR-Regime ermu- tige und dieses soweit verunsichere, dass die Gefahr eines Angriffs aus dem Osten sinke. Während er glaubt, von einer unabhängigen Position aus den Welt- frieden zu stärken, ist er ebenfalls nur eine Spielfigur des Spionagekrieges. Als er diese Hintergründe erfährt, nimmt er sich das Leben. Inwiefern der Roman Rückschlüsse auf die tatsächlichen Verhältnisse und Begebenheiten im geteilten Berlin zulässt, wurde je nach Rezeptionsperspektive bestätigt112 oder bestritten. Der politische Bezug wurde jedenfalls wahrgenom- men: Ob sich der Krieg der Geheimdienste zwischen Ost und West wirklich so abspielt oder nicht, ist auch unwichtig. Es könnte so sein und die Phantasie des Autors nötigt Achtung ab. Was Simmel aber bestimmt erreicht hat oder erreichen wollte: Der Sessel in der guten Stube ist plötzlich nicht mehr so bequem, das Schnitzel am Sonntag schmeckt fade, das Auto ist nicht mehr selbstverständlich, und Politik wird plötzlich etwas, das einen angeht.113 112 „Simmel’s novel deals precisely with the world of espionage and counter-espionage in the two Germanies. It is in many ways the most realistic novel of its kind since Le Carre.“ Robert Kirsch: German Espionage Moral. In: Times Book Critic. Zit. nach: Langenbucher (Hg.): Johannes Mario Simmel und seine Romane, S.  88  f., hier S.  88. 113 Helmut Roesler: Simmels Schwitzbad. In: Christ und Welt 18 (1965) H. 44, 29.10.1965, S.  28. [Auch abgedruckt in: Langenbucher (Hg.): Johannes Mario Simmel und seine Romane, S.  81–83, hier S.  82  f.] Politische Unterhaltungsliteratur? 387
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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