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Spionageparodien, -satiren, -grotesken
Informationskrieg um Nichts: Hohes Gerücht
Im November des Jahres 1960 machen sich Carl Merz und Helmut Qualtinger
in ihrer kabarettistischen Kolumne Blattl vor’m Mund im Kurier über einen
sogenannten ‚Grubenhund‘ lustig. Darunter verstand man eine Zusendung an
eine Zeitung, die falsche Sachdarstellungen, Widersprüchlichkeiten oder auch
versteckte Beschimpfungen enthielt und im Falle des Abdrucks die Zeitung kom-
promittierte. Bei dem Fall, den die beiden Kabarettisten beschreiben, handelt es
sich streng genommen gar nicht um eine Falschmeldung, sondern um eine
fälschliche (leere) Meldung:
Er [ein Wiener] geht zum Telephon. Ruft die Redaktion an. Ob man nichts wisse?
Man erwidert, man wisse nichts. Was solle man denn wissen? Es ist ein umwäl-
zendes Ereignis, erwidert der Anrufer.
12 Uhr 11: Die Redaktion fragt: ‚Was wissen denn Sie?‘ – ‚Ich weiß ollas‘, sagt der
Mann und legt auf.114
Die Redaktion geht ab diesem Zeitpunkt von der Existenz eines Geheimnisses
aus, weiß aber nicht, wer es weiß, was er weiß und ob es überhaupt etwas zu wis-
sen gibt, ein charakteristisches Dilemma des Spionagekriegs. Gleichsam instink-
tiv nimmt die Zeitungsredaktion an, dass das geheime Wissen etwas mit ‚den
Russen‘ zu tun haben muss und sieht sich in ihrem Verdacht dadurch bestätigt,
dass über das vermeintlich geheime Wissen nichts zu erfahren ist, es also – in der
verqueren Logik des Kalten Krieges – scheinbar wirklich geheim gehalten wird:
Sämtliche erreichbaren Russen erklären, sie hätten nichts zu erklären.
13 Uhr 10: Infolge dieses durchsichtigen Sachverhalts verbreitet sich in der Re-
daktion die Nachricht, daß Chruschtschew [sic!] Nachfolger Molotows in der
Atomkommission in Wien wird [...]115
Diese Nachricht bedeutet, dass Chruschtschow gestürzt worden sei. Obwohl
Merz/Qualtinger in diesem Text die Spitze in erster Linie gegen die österreichi-
sche Presse richten, die einer Ente aufsitzt, wird in dem Text auch die Spiona-
gepraxis und deren Geheimhaltungsprinzip karrikiert. Wie in Dor/Federmanns
Und einer folgt dem anderen erzeugt die geheimnisaffine Atmosphäre des Kalten
114 Carl Merz, Helmut Qualtinger: Blattl vor’m Mund: Hohes Gerücht. In: Kurier. Österreichs
grösste Tageszeitung, unabhängig, überparteilich, 12.11.1960, S. 5.
115 Ebd.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918