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Krieges ein Wissen von einem Wissen, das nicht existiert und das dennoch Hand-
lungen im großen Maßstab motiviert. Texte, die enthüllen, dass es nichts zu
enthüllen gibt, weisen darauf hin, dass die Unterstellung der Geheimhaltung
kriegswichtigen Wissens durch Nachrichtendienste, Spionageabwehr und Gegen-
spionage, Phantasmen von Wissen erzeugt, die unnötige Auswirkungen zeitigen
und Ängste hervorrufen. Die Handlungen drehen sich um eine leere Mitte, die
für die Rezipierenden, die dies durchschauen, als Farce erkennbar wird.
Die tatsächlich oft bedrohliche Praxis des Spionagekrieges wird so aus einer
befreienden Distanz sichtbar, die ihre Wirkung vor allem dann entfalten kann,
wenn auch bereits eine historische Distanz dazu besteht. In den USA setzt ein
parodistischer, spielerischer Umgang mit der Spionage in Hollywoodfilmen ab
1964 ein, als die ‚Red Scare‘ bereits abflaut, während in den 1950er-Jahren mit
ernsthaften Fernsehserien wie I Led 3 Lives oder Behind Closed Doors noch auf
tragische Wirkungen abgestellt und damit Loyalität gegenüber staatspolitischen
Entscheidungen signalisiert wurde.116 Dabei gilt für die Parodie: „it is not a
self-contained vessel, laden with social criticism. Instead, parody offers [...] a
porous narrative, rent with gaps into which audience members might (or might
not) write themselves and their particularities. “117
Österreichisches Liebesglück statt internationale Agentenjagd: Marx und Moritz
Ebenso wie in Hohes Gerücht arbeiten Merz/Qualtinger in einem „Agentendra-
molett“,118 das den Titel Marx und Moritz oder Das Geheimnis der Büste. Ein
west-östliches Hindernisrennen in einem Startschuß und fünf Teilstrecken trägt,
mit dem Prinzip der leeren Mitte, um die sich eine rasante Spionagehandlung
rankt. Das Kabarett-Stück wurde im Intimen Theater am 29. März 1958 urauf-
geführt. Der Text bemüht sich darum, das Agentenmilieu und die Atmosphäre
des Kalten Krieges lächerlich zu machen, während österreichische Gemütlich-
keit und unpolitisches Liebesglück als positive Gegenbilder konstruiert werden.
Die Handlung beginnt mit einer „Zeremonie“, durch die sich zwei kommunis-
tische Agenten gegenseitig identifizieren. Tatsächlich praktizierten sowjetische
Geheimdienstmitarbeiter und Spione solche Zeremonien:
116 Vgl. Michael Kackman: Citizen Spy. Television, Espionage, and Cold War Culture. Minneapo-
lis, Minn.: Univ. of Minnesota Press 2005, S. 73–112.
117 Ebd., S. 76.
118 Arnold Klaffenböck: Nestroy im ‚Kalten Krieg‘. „Das Haus der Temperamente“ in der Bearbei-
tung von Merz/Qualtinger. In: Nestroyana 25 (2005) H. 3/4, S. 126–143, hier S. 132.
Spionageparodien, -satiren, -grotesken 389
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918