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ieren stattdessen eher eine ‚anti-heroic spy fiction‘, welche die Verbissenheit und
die Elaboriertheit der Spionageaktivitäten der beiden Großmächte und ihrer
Satelliten ins Lächerliche zieht und ihnen damit etwas an Bedrohlichkeit nimmt.
Auch die Darstellung der verdeckten Observation in Dor/Federmanns sati-
rischem Thriller ironisiert die Konventionen der Spy Fiction. Rafaeljan weiß die
gesamte Handlung über: „Ich werde von beiden Seiten bewacht.“ (AHR 99)
Schließlich hat er sich an diese Situation so sehr gewöhnt, dass sie jede Bedroh-
lichkeit verliert: „Ein Agent, dachte Rafaeljan und hatte seltsamerweise keine
Angst dabei.“ (AH 125) Er stellt den Mann zur Rede:
‚Das muß doch furchtbar anstrengend für Sie sein‘, sagte Rafaeljan.
‚Wieso? ich verstehe nicht.‘
‚Sie gehen mir doch schon seit zwei Tagen nach.‘
Der Mann zuckte die Achseln und griff sich an den zerdrückten, schmutzigen
Kragen seines Hemdes.
‚Es ist doch dumm, daß wir hintereinander herlaufen‘, sagte Rafaeljan. ‚Setzen wir
uns lieber in eine Ecke und trinken wir einen Schluck.‘ (AHR 126)
Ähnlich wie sich in Merz/Qualtingers Marx und Moritz die beiden Staragenten
Lupescu und Nikolasch verbünden, um sich die Spionagetätigkeit zu erleichtern
und sich stattdessen amourösen Abenteuern widmen zu können, verbünden sich
Beschatter und Beschatteter hier zum Zweck des entspannten Alkoholkonsums.
Die Spionage erscheint in beiden Fällen als fragwürdige Praxis, die nur durch
ihre Eigendynamik in Gang gehalten wird und keiner politischen oder militäri-
schen Notwendigkeit entspringt. Der Roman spielt auf diese Weise mit der wahn-
haften, paranoiden Dimension des Kalten Krieges, seinen Phantasien und Ängs-
ten. Einerseits waren die gegnerischen Mächte gezwungen, alles über den Feind
zu wissen, um sein Verhalten vorherzusagen und entsprechende (Abwehr-)Stra-
tegien zu entwickeln, andererseits erschien der Feind trotz und wegen aller Spi-
onage undurchschaubar und rätselhaft. Allerorten waren Täuschungsmanöver
zu vermuten, Maulwürfe und Doppelagenten. So blühten die Spekulationen über
den Gegner, seine Aktivitäten, Ziele und Kapazitäten, die denkbaren Szenarien
verselbständigten sich und hatten oft keinen realen Gehalt mehr. Diese Atmo-
sphäre allgegenwärtigen Verdachts, gegenseitiger Bespitzelung und raffinierter
Attentate wird hier parodistisch bloßgestellt.124
124 Vgl. Stocker: Der Kalte Krieg in der österreichischen Literatur. Ein Überblick. In: Hansel, Rohr-
wasser (Hg.): Kalter Krieg in Österreich, S. 59–80, hier S. 70.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
394 9 Spionage
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918