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Schuldigen herauszufinden, wurde als Fehler betrachtet; jedoch billigte man es,
daß sie, außerstande, zu prüfen, doch wenigstens im Plumpen gegen das Übel vor-
gingen. Die guten Chirurgen lösen den Krebs vom gesunden Fleisch, die schlech-
ten schneiden gesundes Fleisch mit heraus, wurde gesagt.4
Krebs als Metapher für den Feind des als sozialistisch glorifizierten Staates recht-
fertigt in dieser Argumentation gewalttätiges Vorgehen und erklärt die wider-
willige Billigung der Gewalt auch gegen Unschuldige, die in dem Bild als „gesun-
de[s] Fleisch“ aufscheinen.
Michael Rohrwasser, der auf diese Parabel im Zusammenhang mit der Krebs-
metaphorik im politischen Diskurs hingewiesen hat,5 erwähnt auch eine Pas-
sage in der Autobiographie des DDR-Schriftstellers Erich Loest, in der dieser
erzählt, dass sein Schriftstellerkollege, der SED-Funktionär Alfred Kurella, die-
selbe Metapher gebrauchte, um die stalinistischen ‚Säuberungen‘ zu rechtferti-
gen. Er tat dies vor dem Hintergrund, dass die stalinistischen Morde Kurella
sozusagen „ins eigene Fleisch geschnitten“ hatten, da sein Bruder ihnen zum
Opfer fiel:
Eine Metapher brauchte er, die den Atem stocken ließ, dabei kreiste sein Zeigefin-
ger auf dem Unterarm: Wenn ein Arzt ein Krebsgeschwür herausschneide, wäre
es nicht zu vermeiden, daß er auch gesunde Zellen entfernte. Im gesunden Fleisch
müsse er schneiden, denn wenn nur eine einzige befallene Zelle bliebe, wucherte
das Geschwür nach.6
In der Verwendung der Metapher bei Brecht und Kurella zeigt sich, wie Krank-
heitsmetaphern als Diskurselemente fungieren, die politische Gewaltmaßnah-
4 Bertolt Brecht: Besser Fehler zu billigen als Fehler zu rechtfertigen [um 1941]. In: Buch der
Wendungen [1934–1947]. In: Ders.: Große Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd.
18, Prosa
3,
Sammlungen und Dialoge. Bearb. v. Jan Knopf [u.a.]. Berlin, Weimar: Aufbau, Frankfurt/M.:
Suhrkamp 1959, S.
47–194, hier S.
189. Nikita Chruschtschow verwendete 1963 dieselbe Meta-
pher, um die ‚richtige‘ Verwendungsweise der Satire zu beschreiben: „Satire is like the surgeon’s
scalpel: you find harmful growths inside a human body and like a good surgeon you remove
them right away. But to know how to wield the weapon of satire skillfully the way the surgeon
uses his knife, to remove the deadly growth without harming the organism – that requires mas-
tery.“ Zit. nach Richard Stites: Russian Popular Culture. Entertainment and Society since 1900.
Cambridge, New York, Melbourne: Cambridge Univ. Press 1992, S. 135.
5 Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten, S. 148 f.
6 Erich Loest: Durch die Erde ein Riß. Ein Lebenslauf. Frankfurt/M.: Fischer 1984, S. 272. Susan
Sontag erwähnt, dass sich auch die Nazis in Bezug auf die Judenfrage dieses Bildes bedienten:
„[U]m einen Krebs zu behandeln, muß man viel von dem gesunden Gewebe um ihn herum
wegschneiden.“ Susan Sontag: Krankheit als Metapher [1977]. In: Dies.: Krankheit als Meta-
pher, Aids und seine Metaphern. 2. Aufl., Frankfurt/M.: Fischer 2005, S. 9–74, hier S. 71.
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398 10 Feindbilder – Krankheitsbilder
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918