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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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In der Runde befindet sich allerdings auch eine Amerikanerin, die durch ihren kulturellen Hintergrund das Symptom nicht zu deuten weiß und dem tschechi- schen Flüchtling die Frage stellt, was er suche. Es stellt sich heraus, dass der ver- geblich gesuchte Gegenstand ein Taschentuch ist. Als man ihm ein solches mit den Worten „Nichts leichter als das!“ (ebd.) reicht, erklärt er, welche Bedeutung das Alltagsutensil für ihn während seiner politischen Verfolgung dadurch erlang- te, dass es scheinbar unmöglich zu bekommen war und der Versuch sogar das Leben kosten konnte. M.s „nervöser Tick“ wird im weiteren Verlauf des Textes als Symptom einer schwer greifbaren Krankheit, nämlich des Totalitarismus, erklärbar. Dr. M. bemerkte das Fehlen des Taschentuches zuerst während seines Auf- enthalts in einem leeren Haus, das ihm als Versteck dient, da er nach der kom- munistischen Machtübernahme als Sozialdemokrat in Gefahr ist. Ein Freund versorgt ihn alle paar Tage mit nötigen Dingen, denkt aber nicht an etwas so Alltägliches wie ein Taschentuch. Dr.  M. will seinerseits eine solche Kleinigkeit nicht ansprechen und versucht, sich selbst ein Taschentuch zu beschaffen, kann sich allerdings an niemand wenden, ohne sich oder andere in Gefahr zu brin- gen. Da er erfolglos bei der Beschaffung des Alltagsutensils bleibt, wird es für ihn mehr und mehr zum Symbol der fehlenden Freiheit, der fehlenden Norma- lität und Privatsphäre. Gerade das Alltägliche und Persönliche ist angegriffen, darauf verweist das Taschentuch. In Die zweite Begegnung (1950) ist es etwas so Privates wie eine Liebesbeziehung, die durch die Diktatur bedroht wird. Dieser Zugriff der Politik auf das Intime oder Persönliche ist ein von Torberg immer wieder angeprangerter Aspekt der Diktatur. Im Laufe der Erzählung findet der Protagonist dafür die Metapher des Knochenfraßes, der die innere Grundstruk- tur – das Knochengerüst – angreift. Zuerst bemerkte er allerdings nur eine wach- sende Unruhe über das Fehlen des Taschentuchs, die er diagnostiziert als […] Untergrund-Koller, wie er im Resistenzkampf auch sonst gelegentlich auftritt [...]. Es ist nichts weiter als eine Nervenschwäche – aber sie kann mitunter zu bö- sen Folgen führen, zu hysterischen Kopflosigkeiten, zu Spitzelfurcht, von der jede illegale Arbeit gelähmt und zersetzt wird, ja sogar zu freiwilliger Selbstaufgabe. (NL 456) In dieser Passage tritt Krankheit noch im Wortsinn auf, da Stressbelastungen im politischen Widerstandskampf häufig physische Schäden bedingen. Der Begriff der Zersetzung hingegen stammt bereits aus dem Arsenal politischer Krank- heitsmetaphern, und war auch charakteristisch für die antisemitische Rhetorik der Nationalsozialisten.13 Während das Feindbild der zersetzenden Instanz in 13 Vgl. Anton Neumayr: Diktatoren im Spiegel der Medizin. Napoleon – Hitler – Stalin. Wien: Feind = Krankheit 401
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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