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der nationalsozialistischen Hetzpropaganda aber direkt auf bestimmte Personen
(„Juden“) bezogen wird, wirkt im Falle Dr. Ms die depersonalisierte politische
Situation auf die Nerven des Subjekts. Von kommunistisch gesinnten Personen
als „Bazillen“ etwa ist nicht die Rede; sie erscheinen eher als Krankheitsträger.
Dr.
M. erzählt weiter, dass er bereits 1933 nach der Machtergreifung der Natio-
nalsozialisten in Deutschland erste körperliche Abwehrmechanismen gegen das
totalitäre Regime entwickelte, die sich nun unter der kommunistischen Herr-
schaft wiederholen:
Ähnlich wie Magenkranke eine bestimmte Art von Speisen nicht zu sich
nehmen können, ohne sich zu erbrechen, vertrug ich eine bestimmte Art von
Gesinnungslosigkeit nicht mehr [...]. Das neue Buch eines Schriftstellers, auf des-
sen Lektüre ich sehnsüchtig gewartet hatte, blieb ungelesen, weil dieser Schrift-
steller sich plötzlich zum Aushängeschild einer von den Kommunisten aufgezo-
genen Aktion hergab. (NL 457)
Die NS-Propaganda operierte mit Metaphern, die eine eindeutiger instrumen-
talisierbare Argumentationslogik aufweisen: Kranke bzw. „schädliche“ Indivi-
duen wurden dort einem prinzipiell gesunden Gemeinwesen gegenübergestellt
und zur Zielscheibe von Gewalt. Die Metapher vom „Magenkranken“ impliziert
dagegen, dass es der Zustand des Gemeinwesens, die herrschenden Verhältnis-
se und der Opportunismus vieler sind, die beim Individuum die Krankheits-
symptome auslösen. Die persönliche Symptomatik führt Dr.
M. auf eine Krank-
heit der gesamten Gesellschaft zurück, die sich gerade auf das „Innerste“ und
„Intimste“, die persönlichen Verbindungen unter Privatpersonen bezieht:
Diese Krankheit, von der ich sprach, dieser tödliche Zersetzungsprozeß, der uns
alle ergriffen hat – ich nenne ihn den politischen Knochenfraß. Unser ganzes Le-
ben ist von ihm verwüstet. Er hat sich an unser Innerstes, an unser Intimstes her-
angefressen und bis in unsre Eingeweide hinein. (NL 456)
Der Grund dafür ist das Aufkommen totalitärer Regime, die Feindbilder her-
stellen und Dissidenten verfolgen:
Ein jeder von Ihnen wird vermutlich andre Erinnerungen an den Beginn der Er-
krankung haben. Ich selbst nahm die ersten Symptome um 1933 wahr, zur Zeit
des Nazi-Umschwungs in Deutschland. Damals, als die politischen Spannungen
sich immer mehr verschärften und als es immer klarer Farbe zu bekennen galt
Dachs 1995, S. 202. Das Schlagwort der „Zersetzung des Volkskörpers“ im NS erwähnt auch
Schäfer: Heil bei Hitler, S. 178.
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402 10 Feindbilder – Krankheitsbilder
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918