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darstellt: „Auf einen solchen ‚Braten‘ werden sich die Fliegen stürzen wie auf
Aas, monströse fette Fliegen, da wird jegliches bourgeoise Ungeziefer aus dem
Ausland herbeikriechen.“28 Auch in dieser Metaphorik wird der Zerfall der
eigenen Seite („Aas“) zum Einfallstor für die Feinde. Dieselbe Metapher, die
eigene Schwäche und fremden Krankheitsbefall kausal verbindet, verwendet
auch Hitler in Mein Kampf (1938), wo er ein „Jüdlein“ mit einer „Made im fau-
lenden Leibe“29 vergleicht.
Immer wieder findet sich also die Idee des gesunden, schützenswerten poli-
tischen Körpers, der ein Wir-Gefühl stimulieren soll und die Evokation schäd-
licher Substanzen, Infektionen oder Fremdkörper, die diesen Körper bedrohen
und angreifen. Jürgen Link, der Narrative in der deutschen Bild-Zeitung (BZ)
der 1970er-Jahre untersucht hat, sieht als eine wesentliche Kollektivmetapher
für das Eigene den Körper, der von einem fremden Außen umgeben ist, das mit
Chaos und Krankheit assoziiert wird.30 Die Logik des Narrativs schreibt vor,
den Körper gegen das Eindringen der äußeren Sphäre zu schützen, wobei der
Kampf gegen ‚Sozialismus/Terrorismus‘ in diese Kategorie von Narrativen fällt.
Link konstatiert: „Indem der BZ-Leser den Krebs fürchtet, fürchtet er immer
auch den ‚Sozialismus‘ und den ‚Terror‘.“31 Dieselbe Narrativlogik prägte den
US-amerikanischen Diskurs im Kalten Krieg und bestärkte Maßnahmen gegen
alles Un-amerikanische, das den Feind unterstützen konnte: „Consequently,
‚un-American’ ideas and attitudes needed to be rooted out of body politic; the
metaphor of pathology dictates that the parasite must be expelled and the con-
tamination blocked through inoculation.“32
Das Panorama der Krankheitsmetaphern, die im Kalten Krieg auf westlicher
Seite gegen den Feind angewandt wurden, enthält eine breite Palette von Bildern,
jedoch finden sich Bilder von physisch entfernbaren Fremdkörpern seltener als
Vorstellungen der Infektion durch die kommunistische Ideologie. Zudem herrscht
höheres Problembewusstsein in Bezug auf die oft komplexe Rollenverteilung
von Tätern und Opfern im Rahmen der als Krankheit metaphorisierten Kon-
fliktsituation, wie beispielhaft in Nichts leichter als das erkennbar. In diesem Text
wird keine eindimensionale Identifikation von politischem Feind und Krankheit
geleistet, sondern auch der eigene politische Standpunkt mit der Metapher der
Krankheit in Verbindung gebracht, wobei allerdings der Krankheitsauslöser im
28 Rede Nikita S. Chruschtschows, 1963 erschienen in Znamja. Zit. nach der Übersetzung in:
Weiss: Ungeziefer, Aas und Müll, S. 117. [Kursiv. im Orig.]
29 Adolf Hitler: Mein Kampf. Ungekürzte Ausgabe. München: Eher 1938, S. 61.
30 Jürgen Link: Elementare narrative Schemata in der Boulevardpresse. In: Rolf Kloepfer, Karl-Diet-
mar Möller (Hg.): Narrativität in den Medien. Münster: MakS; Mannheim: Mana 1986, S.
209–
230, S. 213.
31 Ebd., S. 228.
32 Diemert: Uncontainable Metaphor, S. 39.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
406 10 Feindbilder – Krankheitsbilder
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918