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Abendländische Rhapsodie. In krasser Diktion heißt es in Fischers Rhapsodie
über die Vertreterinnen und Vertreter des Abendlands: „Europa speit / euch aus
wie Leichengift.“ Mit Metaphern wie diesen stigmatisieren Fischers Texte den
Gegner im Kalten Krieg als zugleich schwach, sterbend und giftig oder schädi-
gend, also ebenso krank wie krank machend.
Mit Witz unterläuft Robert Neumanns Roman Festival (1962) diese Rhetorik
in einer Passage, in der der polnische KP-Funktionär Kostja nach Locarno in der
Schweiz kommt und in den Westen überlaufen möchte. Dass ihn diese Situation
nervös und zittrig macht, identifiziert er als das Wirken westlicher „Miasmen“:
„[E]r beherrschte die Finger nicht, er trank gierig. ‚Verzeih‘, sagte er dann trocken.
‚Das ist der Fiebersumpf, das sind die infektiösen Miasmen – sowie unser einer
mit euch in Berührung kommt, hat er schon seinen Anfall weg. [...]‘“ (F 259). Sein
Überlaufen macht ihn in seiner ideologischen Disposition selbst zu einer Bakte-
rie, die nur in einer von Fäulnis geprägten Umgebung gedeihen kann: „Sie [die
westliche Welt] ist faul. Sie stinkt vor Fäulnis. Aber vielleicht ist Fäulnis der ein-
zige Boden, auf dem ein Mensch leben kann? […] Wie Bakterien. Penicillin, du
weißt ja.“ (F 258) Er kommt so zu dem Schluss einer „Vetternschaft zwischen dem
Genossen Mensch und dem Genossen Bakterie“ (ebd.), wobei sich die Wertigkei-
ten umkehren: Die ‚faulende‘ Welt ist plötzlich nicht mehr mit Tod und Verfall,
sondern mit Leben verbunden. Penicillin, das gegen Bakterien wirkt, wird vom
Medikament zum Gift, wenn man wie Kostja den „Genossen Mensch und den
Genossen Bakterie“ vergleicht. Neumanns Roman wendet so das Blatt und behaup-
tet, dass die UdSSR eher als der Westen mit Tod und Verfall verbunden sei.
Auch der US-Botschafter George F. Kennan mutmaßte in der Druckversion
seines ‚Langen Telegramms‘, dass die UdSSR schwach sei und vor einem baldi-
gen Zusammenbruch stehe:
And who can say with assurance that the strong light still cast by the Kremlin
on the dissatisfied peoples of the western world is not the powerful afterglow of
a constellation which is in actuality on the wane? This cannot be proved. And it
cannot be disproved. But the possibility remains (and in the opinion of this writer
it is a strong one) that Soviet power, like the capitalist world of its conception,
bears within it the seeds of its own decay, and that the sprouting of these seeds is
well advanced.45
Kennan vergleicht in der Folge den möglichen baldigen Untergang der UdSSR
mit dem Zerfall eines Familiengeschlechts in Thomas Manns’ Roman Die Bud-
denbrooks (1901).
45 X [i.e. George F. Kennan]: Sources of Soviet Conduct. In: Foreign Affairs 25 (1947) Juli, S.
566–582, hier S. 580.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
412 10 Feindbilder – Krankheitsbilder
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918