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In Österreich wurde die Debatte über die Verbreitung von biologischen Kampf-
waffen durch die US-Armee besonders in den Jahren des beginnenden Korea-
krieges geführt.63 Die kommunistische Schriftstellerin Eva Priester schildert in
einer Propagandabroschüre ein Panorama der Grausamkeit, das die nordkore-
anische Zivilbevölkerung als schuldloses Opfer von Angriffen des US-Militärs
zeigt. Der Bakterienkrieg ist ein wichtiger Bestandteil dieser Darstellung:
Vor einigen Monaten haben die Amerikaner begonnen, gegen die Zivilbevölke-
rung Koreas, gegen die Frauen und Kinder des Landes, noch eine neue Waffe an-
zuwenden – Bakterien, die systematische Verbreitung von Epidemien
unter der Zivilbevölkerung. Es handelt sich um Blatternepidemi-
en.64
Priester lässt eine Frau aus dem Volk anklagen: „Die Amerikaner haben unsere
Städte zerstört! Sagt uns, warum wollen sie jetzt unsere Kinder mit Krankheiten
umbringen?“65
Wenn Hygiene krank macht …
Einige Literaturschaffende der Nachkriegszeit stellten sich der schwierigen, aber
nahe liegenden Aufgabe, die fatale Wirkung der menschenverachtenden Gesund-
heitspolitik im Nationalsozialismus sprachlich zu gestalten und der Reflexion
zugänglich zu machen. Andere stellten die massiven schädigenden und tödli-
chen Wirkungen des Krieges – insbesondere im Atomzeitalter – in den Fokus
der politischen Kritik. Der Vorwurf der Schädigung wird so auf politische Regi-
63 Vgl. folgendes Propagandaplakat: Österreichischer Friedensrat (Hg.): „Prof. Heinrich Brand-
weiner spricht über den Pestkrieg in Korea, Samstag, den 19. April 1952, um 19.30 Uhr im
Wiener Messepalast“. Wien: Globus 1952. Brandweiner wurde in Österreich daraufhin von
antikommunistischer Seite scharf angegriffen. Das Tagebuch hielt dagegen: „Heute ist für die
amerikanisch gedrillte Presse Österreichs der amerikanische Bakterienkrieg in Korea die lau-
sige Erfindung eines Brandweiners, der für […] Marianne Pollak [Oscar Pollaks Frau, SPÖ-Po-
litikerin] nach ‚USIA-Schnaps‘ riecht.“ Viktor Matejka: Ein Beitrag zur österreichischen Auf-
erstehung: Die Nervosität der Kalten Krieger. In: Tagebuch
7 (1952) H.
8, 12.4.1952, S.
1. Vgl.
auch Fischers Leitartikel zu dem Thema: Herr General! Herr Minister! Die Wahrheit bricht
sich Bahn! In: Tagebuch 7 (1952) H. 9, 26.4.1952, S. 1. Den Beitrag des Beschuldigten selbst:
Heinrich Brandweiner: Nur eine Bibliotheksepisode? In: Tagebuch 8 (1953) H. 5, 28.2.1953,
S.
1. Und einen Bericht in wissenschaftlicher Diktion: Dr. med. Emanuel Edel: Bakterienkrieg
zwischen Antibiotica und Carcinoma. In: Tagebuch 8 (1953) H. 22, 7.11.1953, S. 8.
64 Eva Priester: Korea. Ein Augenzeugenbericht vom modernen Vernichtungskrieg. Hg. v. Bund
demokratischer Frauen Oesterreichs. Wien: Globus [1952?], S. 20. [Hervorh. im Orig.]
65 Priester: Korea, S. 22. Wenn Hygiene krank macht … 417
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918