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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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behandeln, greift er zur leistungssteigernden Droge „Pervitino“ (KG 367).68 Die Grenzen zwischen wahren und eingebildeten Feinden sowie wahren und einge- bildeten Kranken verschwimmen für Adolar immer mehr. Am Ende hetzt er seine Riesenpython Kaa auf seine Frau, die er nicht mehr erkennt, mit den Wor- ten: „  […] KAA, WÜRG DIE RATTE, VERSCHLINGE SIE!“ (KG 397) Und er bringt sich durch die Riesenpython ebenso wie durch das Rattengift, das er gegen die vermeintlichen Ratten von seinem Polizeichef besorgen lässt, selbst in Gefahr (vgl. KG 371), diagnostiziert den Wahnsinn aber in erster Linie bei seiner Toch- ter Mignon,69 die er für „nicht normal“ (KG 368) erklärt. Als Grund für ihre „Unzurechnungsfähigkeit“ (KG 369) vermutet er die falsche politische Lektüre, wie er seiner Frau vorwirft: Als sie Zwölf war, hast du ihr als Lektüre gestattet die staatsfeindlichen Zigeuner- romanzen von Frederico [sic!] Garcia Lorca,70 den General Franco umsichtiger- weise beizeiten erschießen ließ. Und heute, da sie herangewachsen ist, die einzige Tochter des Schöpfers der Neoabsolutistischen [sic!] Demokratie, muß die Schan- de vertuscht werden: Hinter der gefälligen Larve lauert Halbidiotie! (KG 305) Die berühmten Gedichte des republikanischen spanischen Autors, der im August 1936 von den faschistischen Militärs in der Nähe Granadas ermordet wurde, seien für die Verwirrung seiner Tochter verantwortlich. Was nicht seiner poli- tischen Richtung entspricht, erscheint dem Diktator als krank oder idiotisch, die Erschießung des Dichters kann er nur gutheißen. Die Heimsuchung durch sein eigenes „Gewissen“ interpretiert er als Ansteckung durch Mignons vermeint- 68 Pervitin – dem heute bekannten Crystal Meth vergleichbar – war zwischen 1938 und den spä- teren Kriegsjahren im Deutschen Reich weit verbreitet. Wegen seines Suchtpotentials verlor es später seine Popularität. Vgl. Robert  N. Proctor: Blitzkrieg gegen den Krebs. Gesundheit und Propaganda im Dritten Reich. Stuttgart: Klett-Cotta 2002, S.  179. 69 Der Name ist offensichtlich Johann Wolfgang Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96) entlehnt. 70 Becher hatte im brasilianischen Exil einen Bekannten Federico García Lorcas kennengelernt: „Mit dem Lyriker Juan Alberti [kam] ich 43 in Rio des öftern zusammen, um [in/mit] ihm einen ebenso bezaubernden wie bedeutenden Mann kennenzulernen, von [ihm] viel zu erfah- ren über Leben, Wirken und Zwangstod seines Freundes Frederico [sic!] Garcia Lorca.“ Ulrich Becher: Junge Deutsche Dichter für Aufhörer. Autobiographische Notizen. In: Die Weltwo- che. Unabhängige Zeitung für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur, 11.9.1964, S.  25 u. 29, hier S.  25. Auch in kurz nach 4 spielt der Fall Lorcas eine wichtige Rolle: Der Protagonist liest in der Zeitung einen Bericht, der die Ermordung Lorcas durch Falangis- ten mit einem aktuellen Anschlag vergleicht, bei dem Lola Aguirre, die Geliebte des Protago- nisten getötet wurde. Noch während er liest, erleidet er selbst eine schwere Verletzung durch eine Granate (vgl. KV 30). Diese bedingt seinen Gedächtnisverlust, der zugleich als Verdrän- gung lesbar ist. Diese wird gerade am Fall Lorca kritisiert: „Um den Zwangstod Garcia Lorcas wurde das Tabu errichtet, das große Tabu.“ (KV 153) Wenn Hygiene krank macht … 419
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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