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liche Geisteskrankheit: „Daß deine Anfälle a-n-s-t-e-c-k-e-n-d wirken können,
habe ich allerdings erst gestern erfahren“. (KG 368 f.)
Die vermeintliche Geisteskrankheit der Mignon wird in der Weltsicht des
Diktators durch ihren Status als Fremdkörper bedingt. Aus der Perspektive des
Publikums des Stückes ist es freilich Adolar, der als wahnsinnig erscheint, wäh-
rend die in den Augen des Diktators „irre“ Mignon als gesunde und vernünfti-
ge Person wahrnehmbar ist. Auch die anderen Figuren auf der Bühne durch-
schauen die verkehrte Zuschreibung des Wahnsinns, etwa ein Minenarbeiter,
der am Aufstand gegen die Diktatur Adolars beteiligt ist:
Wir unter Tage, wir wußten, daß Mignon Bonita nicht wahnsinnig ist. [...] Einer
oder der andere von uns trug sogar heimlich ihr Bild in der Tasche [...] Bild der
lieblichen Tochter eines Wahnsinnigen, dem seine Zeit die Macht gab
...
eine Welt
zu vernichten. (KG 404)
Die Verfügbarkeit von Massenvernichtungswaffen lässt die Gefahr, die von einem
wahnsinnigen Herrscher ausgeht, andere Dimensionen erreichen, wie hier deut-
lich gemacht wird. Und das gilt für faschistische Diktatoren ebenso wie für ver-
meintliche Demokratien in Ost und West.
Kranke Welten –
Dystopien totalitärer Systeme und ihr Umgang mit Gesundheit/Krankheit
Einige literarische Texte der Kriegs- und Nachkriegszeit stellen eine aggressive
Gesundheits- und Krankheitspolitik, wie sie im Dritten Reich herrschte,71 als
zentrales Element totalitärer Systeme dar. Hans Weigels Roman Der grüne Stern,
entstanden 1940 im Basler Exil, gedruckt 1943 in der Schweiz und 1946 in Öster-
reich,72 in dem der Aufstieg eines Hochstaplers namens Gottfried Hofer zum
„Führer“ in einer Kleinstadt Schritt für Schritt dargestellt wird, lässt seinen Pro-
tagonisten mit einem ernährungsbezogenen Gesundheitsprogramm – dem Vege-
71 In der nationalsozialistischen Propaganda und Ideologie wurde das Moment der sogenannten
Volksgesundheit sehr stark gemacht. So wurden etwa Kampagnen gegen Alkohol und Tabak
angestrengt und Maßnahmen gegen krebserregende Lebensmittelzusätze wie den Teerfarbstoff
4-Dimethylaminoazobenzol (Buttergelb) gesetzt. Diäten zur Eindämmung schädlicher Darm-
bakterien hatten Konjunktur. Vgl. Proctor: Blitzkrieg gegen den Krebs, S. 163–177, 190–196,
199–278. Der Kampf gegen die Verwendung von Teerfarben wurde in der Zeit des Kalten Krie-
ges von Seiten der KPÖ weiter betrieben. Dabei wurde allerdings die ‚Profitgier‘ kritisiert, wel-
che hinter mangelnder Sensibilität für das Thema stehe. Vgl. z.B. Engelbert Broda: Erstens der
Profit und zweitens der Krebs. In: Tagebuch 5 (1950) H. 9, 29.4.1950, S. 2.
72 Eine Neuauflage erschien 2012.
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420 10 Feindbilder – Krankheitsbilder
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918