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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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tarismus – antreten und an die Macht kommen.73 Hofer beginnt seine Karriere als Leiter des Vegetarischen Vereins und gliedert diesem durch eine militante Ideologisierung der öffentlichen Meinung und geschickte Ausübung von Druck auf Einzelpersonen die gesamte Bevölkerung ein. Vegetarismus wird so von einer individuellen ethischen oder diätetischen Entscheidung zu einem Instrument des Totalitarismus. Auch Otto Basils Wenn das der Führer wüßte (1966) und Friedrich Heers Der achte Tag (1950) schildern jeweils ein totalitäres System, das seine Gräueltaten mittels einer rigiden Gesundheitspolitik und dem Rückgriff auf biologische, medizinische und hygienische Diskurse rechtfertigt. Zugleich wird wie in Tor- bergs Nichts leichter als das dem totalitären System selbst der Status der Krank- heit zugeschrieben. Basils Wenn das der Führer wüßte ist eine bitterböse, in manchen Passagen sati- rische, zumeist aber erschreckende Dystopie zur Ideologie und Praxis des Dritten Reichs. Mit diesem brisanten gesellschaftskritischen Text landete der Autor zwar einen Verkaufsschlager, allerdings geriet er später wieder in Vergessenheit.74 Der Text beschreibt – als „konjekturalhistorisches Modell“75 – den Untergang des in den 1960er-Jahren noch bestehenden, die halbe Welt beherrschenden national- sozialistischen Reiches, dessen unmenschliche Ideologie Basils explizit benanntes Angriffsziel ist. Die beiden Großmächte des Kalten Krieges werden so nicht offen angegriffen, jedoch tritt der Text auch als präventive Warnung an die gegenwär- tigen Machthaber auf, einzelne Aspekte ihrer Politik kritisch zu sehen, etwa die Demonstration militärischer Stärke, die Drohung mit dem Einsatz von Atomwaf- fen, eine Feindbildrhetorik, die den Gegner dehumanisiert und der Aggression preisgibt,76 geopolitischer Expansionsdrang, die Errichtung von Lagern, die For- cierung technischen Fortschritts zu jedem Preis und Rassismus.77 Der Roman arbeitet mit der Technik der Ausstellung der abstrusen menschen- 73 Adolf Hitler war bekanntermaßen Vegetarier. Vgl. Proctor: Blitzkrieg gegen den Krebs, S. 149 u. 156–163. Neumayr: Diktatoren im Spiegel der Medizin, S.  194. Wolfgang Straub: Nachwort. In: Hans Weigel: Der grüne Stern. Ein satirischer Roman. Hg. u. kommentiert v. Wolfgang Straub. Wien: Metro 2012, S.  301–309, hier S.  303. 74 Vgl. Atze: Hitler und Holocaust im Konjunktiv, S. 118. 75 Ebd., S. 119. 76 So treten in Basils Roman gewalttätige Wendungen wie „das Tschandalengewürm [...] zertre- ten“ (FW 29) auf, während in der aggressiven Propaganda im Sowjetkommunismus die Vor- stellung des ‚Hinwegfegens‘ von Ungeziefer und Unrat „neičst‘“ vorherrschend ist. Vgl. Weiss: Ungeziefer, Aas und Müll, S.  115  f. Häufig sind auch Metaphern, die parasitäre Eigenschaften indizieren wie Spinnen, Vampire oder Blutegel. Vgl. Oxana Stuppo: Das Feindbild als zentrales Element der Kommunikation im Spätstalinismus. Der Fall Sverdlovsk 1945–1953. Wiesbaden: Harrassowitz 2007, S.  32. 77 So stellt der Roman Basils die USA als Staat dar, der an die Tradition des Ku-Klux-Klan ange- knüpft, diese aber bereits weit übertroffen hat. (Vgl. FW 281  f.) Wenn Hygiene krank macht … 421
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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