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(AT 340) unter Kontrolle gehalten; geistige Gesundheit wird ihnen aufgrund
ihrer Nonkonformität abgesprochen.
Auch in Basils Wenn das der Führer wüßte werden subversive Elemente durch
medizinische Behandlung diszipliniert. Selbst den Papst hatte man „in eine luxu-
riöse Nervenklinik eingeliefert – dieselbe in der auch der Dalai-Lama behandelt
worden war –, wo der Heilige Vater unter Aufsicht seines Leibarztes und einiger
deutscher Kapaziäten mit Insulin geschockt werden sollte“. (FW 173) Neben
Kunstschaffenden sind religiöse Personen im Roman Basils, aber besonders auch
in jenem Heers prädestiniert dafür, als geistig abnorm abgestempelt zu werden.
Tanja Meier, die Brown in Der achte Tag in die Untergrundorganisation des
Christentums einführt, erklärt, dass es zu den größten Versuchungen angehen-
der Christen gehört, an dieser Religion zu zweifeln, in die Anschauungen der
herrschenden Ideologie des BÜRO zurückzufallen und zu fragen: „Ist es deshalb
nicht doch besser, die Christen, als infiziert von gefährlichen Bazillen, samt und
sonders auszurotten?“ (AT 317) Brown hört in einem Vortrag des Ordinarius
für Ideologiekritik an der Wiener Universität, Prof. Dr. Schumscheiner, über die
Bedeutung der Kirche als einer verwesenden, aber noch ansteckenden ideolo-
gischen Vorform der totalitären Ideologie des BÜRO:
Der zerschlagene, seit Jahrhunderten verwesende Großleib der Kirche strahlt im-
mer noch Kräfte aus, sondert Giftstoffe ab, die zersetzend wirken können: zumal
auf junge Gliedkörper der M.G., auf gewisse afrikanische und südamerikanische
Unionsstaaten zum Beispiel! Achten Sie auf diese Möglichkeiten der Ansteckung,
der Infektionsgefahr! Die Statistiken über aufgedeckte christliche Konspirationen
sprechen eine düstere Sprache; es tut mir leid, daß ich ihnen ihre Zahlen nicht
mitteilen darf. (AT 210)
Die Kirche wird als Konkurrent gefürchtet, obwohl sie sozusagen bereits fast tot
oder zumindest totgesagt ist. In der Sowjetunion wurde der Kapitalismus in
ähnlicher Weise als ein untergehendes System, metaphorisch als ein verwesen-
der Körper bezeichnet, der eine zersetzende Wirkung ausstrahlt. Gerade die
Unsichtbarkeit und scheinbare Zerschlagung des politischen Gegners innerhalb
der kommunistisch regierten Sowjetunion machte das Bild des infektiösen Aases
so passend.80 Die untergründige, unsichtbare Tätigkeit des Kommunismus legte
aber auch in den USA das Bild einer infektiösen Unterwanderung nahe.
Heers Roman legt wie jener Basils den eklatanten Widerspruch im von den
totalitären Regimen installierten Gesundheits- bzw. Krankheitsdiskurs bloß.
Einerseits definieren die dargestellten totalitären Systeme alle Formen von Abwei-
80 Vgl. Stuppo: Das Feindbild als zentrales Element der Kommunikation im Spätstalinismus, S.
34.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
426 10 Feindbilder – Krankheitsbilder
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918