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ker, beschrieb noch 1970 die große Differenz zwischen der deutschen Sprache
in der DDR und der BRD:
Zwischen der traditionellen deutschen Sprache Goethes, Schillers, Lessings, Marx’
und Engels’, die von Humanismus erfüllt ist, und der vom Imperialismus ver-
seuchten und von den kapitalistischen Monopolverlagen manipulierten Sprache
in manchen Kreisen der westdeutschen Bundesrepublik besteht eine große Dif-
ferenz. Sogar gleiche Worte haben oftmals nicht mehr die gleiche Bedeutung.6
US-Präsident Dwight D. Eisenhower hatte bereits im September 1950 in einer
Rede ausgeführt, dass Amerika einen „Kampf um die Wahrheit“ („battle for
truth“) gegen einen Feind führte, der „Lügen und Irrtümer“ („lies and miscon-
ceptions“) über die Vereinigten Staaten verbreite. Deshalb widmete er eine Kam-
pagne „der großen Wahrheit“ („the big truth“), um die „große Lüge“ („big lie“)
des Kommunismus bloßzustellen.7 Die gleiche Argumentation findet sich mit
umgekehrten Vorzeichen auch auf der kommunistischen Seite. Die totalisieren-
de Rhetorik, wie ein Kampf zwischen Gut und Böse geführt, war typisch für den
Kalten Krieg, in dem Konflikte nie abgetrennt von der globalen Auseinander-
setzung angesehen wurden und damit ständig die Bipolarität der klar in Oppo-
sitionen stehenden Konkurrenten reproduzierte.8
Wie Andrew Hammond festgehalten hat, wurden mit Fortschreiten des Kal-
ten Krieges die Waffen in diesem psychologischen Kampf professionalisiert und
das Bestreben nach Persuasion der öffentlichen Meinung auf alle Bereiche des
Kulturellen ausgeweitet, was auch Film, Fernsehen, bildende Kunst, Literatur
sowie Sportereignisse und den Wettlauf um die Eroberung des Weltalls betraf.9
Während die US-Propaganda vor allem das Angstszenario eines sich epidemisch
ausbreitenden Kommunismus emittierte, beschwor die Sowjetunion das Nega-
tivbild eines aggressiv-imperialistischen Kapitalismus, der mit seinem antihu-
manistischen System die Arbeiter ausbeutete. Die antiamerikanische Polemik
6 Martin Praxenthaler: Die Sprachverbreitungspolitik der DDR. Die deutsche Sprache als Mittel
sozialistischer auswärtiger Kulturpolitik. Frankfurt/M. [u.a.]: Lang 2002, S. 78, zit. n. Brigitta
Almgren: Peter Weiss im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik. Rhetorik im Kalten Krieg
am Beispiel von Berichten der DDR-Kulturbehörden. In: Studia Neophilologica
79 (2007)
H. 2, S. 215–232, hier S. 219.
7 Lowell Schwartz: Political Warfare against the Kremlin. US and British Propaganda Policy at
the Beginning of the Cold War. Basingstoke: Palgrave Macmillan 2009, S. 151 f.
8 David Seed: The Yellow Peril in the Cold War: Fu Manchu and the Manchurian Candidate. In:
Andrew Hammond (Hg.): Cold War Literature. Writing the Global Conflict. New York: Rout-
ledge 2006. S. 15–30, hier S. 15.
9 Andrew Hammond: ‘The Red Threat’. Cold War Rhetoric and the British Novel. In: Ders. (Hg.):
The Balkans and the West. Constructing the European Other, 1945–2003. Aldershot, Engl.:
Ashgate 2004, S. 40–56, hier S. 40. Sprache und geteilte Welt 433
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918