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der Menschheit herbeizuführen, den Sieg des Friedens.“14 Was an der kommu-
nistischen Rhetorik augenscheinlich ist und reichlich paradox anmutet, ist die
Koppelung von Kampfmetaphern mit dem Wort „Frieden“. So heißt es in der
sowjetischen Propaganda „Der Friede erobert die Welt“, „Friedenskämpfer“ oder
„Kampfprogramm für den Frieden“.
Dass der Begriff „Frieden“ zu propagandistischen Zwecken instrumentalisiert
wurde und die „Friedens“-Rhetorik des Ostens nicht viel mehr als ein Schlagwort
war, um politisch-ideologische Ziele zu verfolgen, nämlich die Sowjetunion im Wes-
ten positiv darzustellen, konstatiert Jacques Willert, die Hauptfigur in Joseph Wechs-
bergs Der Stalinist (1955 unter dem Titel The Self-Betrayed, erst 1970 in deutscher
Übersetzung). Willert konfrontiert den von den Kommunisten propagierten Frie-
densbegriff mit der Realität der Menschen in den „Volksdemokratien“, die sich aus
Überwachung, Denunziation und ständiger Angst vor den totalitären Machthabern
zusammensetzt. Willert, dessen nicht näher benanntes Heimatland, vermutlich
handelt es sich um Mähren, nach einem kommunistischen Putsch – „‚Revolution‘“,
so stellt der Ich-Erzähler Willert polemisch fest, wäre die „offizielle Bezeichnung“
(ST 257) – zu einem Satellitenstaat der Sowjetunion geworden ist, reist zu einem
‚Friedensfestival‘, über das er, seiner Profession als Journalist folgend, für westliche
Zeitungen berichten will. Das in der Stadt seiner Jugend, höchstwahrscheinlich
Ostrava, stattfindende Festival, das die Einreise in das Land hinter dem Eisernen
Vorhang erleichtert, dient ihm auch dazu, ehemalige Freunde, die im Land verblie-
ben sind, wiederzusehen. Er trifft aber nicht nur Freunde, sondern auch Bruno
Stern, einen ehemaligen Schulkameraden, der als linientreues Parteimitglied der
KPdSU und hochdekoriertes Mitglied der Komintern nach 1945 als stellvertreten-
der Generalsekretär der Partei zum mächtigsten Mann des Landes avanciert ist.
Stern, der sich der charakteristischen kommunistischen Rhetorik bedient, erklärt
die wirtschaftlichen Fortschritte, die das Land im Zuge des „Fünfjahresplans“
gemacht hat und koppelt die heimische Stahlproduktion an den Friedensdiskurs:
Vor der Machtübernahme der Kommunisten hätten die Fabriken „Granaten und
Kanonen“ erzeugt, wohingegen sie jetzt „für den Frieden“ produzieren würden (ST
258). Mit „seiner eintönigen Stimme“ schildert Stern, dass das Land den Frieden
braucht, „um das Gebäude des Sozialismus“ (ST 259) zu errichten.
Willert sieht die Bedeutung des Wortes „Frieden“ durch die totalitäre Ideo-
logie und deren Exponenten, wie sie der Roman mit Stern ins Zentrum stellt,
14 Sowjetischer Informationsdienst (Hg.): Weltfriedensbewegung ist unbesiegbar. Wien: o. V.
1950, S. 46. Weitere österreichische Propagandabroschüren, die das Wort „Frieden“ im Titel
tragen: Sowjetischer Informationsdienst (Hg.): Völker, Stalin, Frieden. Wien: Sowjet. Informa-
tionsdienst 1951; Ders. (Hg.): Wir fordern den Frieden. Wien: Globus 1950; Ders. (Hg.): Der
Frieden wird den Krieg besiegen. Die Zweite Unionskonferenz der Friedensanhänger in der
UdSSR, Moskau, Oktober 1950. Wien: Sowjet. Informationsdienst 1950; Ders. (Hg.): Die Sow-
jetunion im Kampf für den Frieden. Wien: Sowjet. Informationsdienst 1955.
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436 11 Frieden, Freiheit, Propaganda: Rhetorik im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918