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gers, des totalitären Polizeistaates“,23 der vom Westen natürlich nicht gewünscht
wird.
Die von zahlreichen westlichen Akteuren monierte Aneignung des Wortes
Frieden, rief nicht nur bei diesen, sondern vor allem auch in klerikalen Kreisen
Kritik hervor. Das Heilsversprechen der katholischen Kirche, das von der Errich-
tung eines „Friedensreiches“ kündet, werde den Anhängern des christlichen
Glaubens entfremdet, weswegen Papst Pius XII. in einer Enzyklika die Unver-
einbarkeit der katholischen Konfession und der kommunistischen Ideologie
festlegte.24 In einer Anekdote berichtet der österreichische Schriftsteller Her-
mann Schreiber, dass der Gebrauch des Wortes „Frieden“ in den Zeitläufen des
Kalten Krieges für katholische Kreise problematisch wurde. So wurde Friedrich
Heer, der versuchte, das „Bild eines christlichen Non-Konformisten zu entwi-
ckeln“,25
[…] von Monsignore Otto Mauer, dem Mitbegründer der katholischen Zeitschrift
Wort und Wahrheit, Domprediger im Stephansdom und bedeutenden Mäzen
von moderner österreichischer Kunst, über die den Begriff betreffende Bedeu-
tungsverschiebung aufgeklärt: „Der Frieden, Fritzl [d. i. Friedrich Heer; d. Verf.],
der ist jetzt eine kommunistische Sache, von dem derfst net reden!26
Dies hielt Heer jedoch nicht davon ab, sich in einem „Pro und Contra“ hinsicht-
lich des Themas „Gespräch mit dem Feind?“ im ersten Heft der von Torberg
herausgegebenen Zeitschrift Forvm über die Inbesitznahme der Begriffe durch
die miteinander konkurrierenden Systeme zu beschweren, wobei er auch auf die
von Schreiber erwähnte Episode verweist:
[W]elche Macht haben die Sowjets über das Wort ‚Frieden‘ erlangt, durch ihre
fünfjährige Kampagne! So groß wurde diese Macht, daß mir ein Wiener Theo-
loge, als ich im Sommer dieses Jahres […] zum Pax-Christi-Kongreß fuhr, sag-
te: ‚Du mußt dir klar sein, daß wir heute das Wort Frieden nicht verwenden
dürfen, weil es ein kommunistisches Wort geworden ist.‘ Ich teile nicht diese
Ansicht. Es gibt keine kommunistischen, es gibt keine westlich-freiheitlichen
Worte. Wohl aber findet heute ein Weltkampf statt, um den Sprachschatz der
23 Ebd.
24 Vgl. Frank J. Coppa: Pope Pius XII and the Cold War: The Post-war Confrontation between
Catholicism and Communism. In: Dianne Kirby (Hg.): Religion and the Cold War. Basingsto-
ke [u.a.]: Palgrave Macmillan 2003, S. 50–66.
25 Leopold Rosenmayr: Freiheit und Kritik. In: Norbert Leser (Hg.): Heer-Schau. Briefe an und
über Friedrich Heer. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1985, S. 95.
26 Hermann Schreiber: Ein kühler Morgen. Erinnerungen. München, Wien: Drei Ulmen Verl.
1995, S. 125. Sprache und geteilte Welt 439
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918